Simone Chiquet, Thomas Hildbrand (Hg.)

Traverse

Macht und Ohnmacht der Geschichte – Pouvoir et impuissance (2001/1)

Zur Erotik der Geschichte – L'érotisme de l'histoire

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 22
2001. 176 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-22-6

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Zusammenfassung

Macht und Ohnmacht ­ Zur Erotik der Geschichte

Simone Chiquet, Thomas Hildbrand

Das Schwerpunktthema der aktuellen traverse dürfte ungefähr im Oktober 1998 sprachlich manifest geworden sein. Damals hatten wir die Idee, ein Heft zu verwirklichen, das den Titel Die Erotik der Geschichte tragen sollte. Wem immer wir aber von unserem Vorhaben berichteten, sie oder er reagierte irritiert. Zählte das Gegenüber zudem zur geschichtswissenschaftlichen Gemeinde, konnte sich in die Rückfrage ein leicht düpierter Unterton über das unerhörte Ansinnen mischen: «Geschichte, erotisch? Wohl höchstens im Sinne eines Verkaufsargumentes, nicht wahr?»
Von unserer Idee, dass Geschichte ­ auch wissenschaftlich verstanden ­ einen erotischen Charakter hat, sind wir nach wie vor überzeugt; gegenüber den Autorinnen und Autoren jedoch, die wir zur Mitarbeit am Heft gewinnen wollten, wählten wir ein «getarntes» Vorgehen und kündigten einen Schwerpunkt unter dem Titel «Macht und Ohnmacht der Geschichte» an. Denn Macht und Ohnmacht sind wesentliche Elemente sowohl der Erotik als auch der Geschichte und der Geschichtswissenschaft. Das Echo bei den angefragten Personen war gross, und viele von ihnen liessen sich insbesondere von der Machtfrage inspirieren. Offensichtlich ist Macht für Historikerinnen und Historiker ein zentrales Thema, das sowohl bei der Umschreibung ihrer (wissenschaftlichen) Identität als auch für die Definition ihrer Rolle in der Gesellschaft bedeutsam ist. So ist es schliesslich vor allem unseren Autorinnen und Autoren zu verdanken, dass die geschichtliche Erotik, wie sie in der nun vorliegenden traverse beschrieben und dargestellt wird, thematisch stark von den Motiven Macht und Ohnmacht geprägt ist und wir den Hefttitel leicht abgewandelt haben.
Welcher Art aber ist nun eigentlich die Anziehungskraft der Geschichte? Warum gefallen sich Historikerinnen und Historiker gerne in der Pose des Enthüllens? Oder warum und wie wird Geschichte zur Verhüllung der Vergangenheit verwendet? Wie lässt sich das Verhältnis von Geschichtswissenschaftlerin und Geschichtswissenschaftler zu ihrem bzw. seinem Thema beschreiben? Nur rational? Oder weist es nicht doch auch emotionale Aspekte auf? Und wie steht es mit der Faszination des Authentischen, der Archivbestände, des Alten? Sind Historikerinnen und Historiker wirklich durch Professionalität davor gefeit, diesem Charme des Vergangenen zu erliegen?
Es sind dies Fragen, die persönliche Antworten geradezu herausfordern. So ging es uns denn mit dem vorliegenden Themenschwerpunkt nicht darum, aus der sicheren Warte der distanzierten Betrachtung wohl ausgewogene Texte zu präsentieren. Wir wollten Autorinnen und Autoren für einmal die Gelegenheit bieten, direkt und handfest ­ vielleicht manchmal auch eine Spur einseitig und ungerecht ­ in Vergangenheit und Gegenwart eigenen Schaffens und Denkens zu wühlen. Gleichzeitig forderten wir sie auf, so zu schreiben, wie sie es gerade für richtig erachteten, essayistisch, ausschweifend, auch polemisch zu werden. Kurz: Sie bekamen von uns carte blanche. Und sie haben sie auch genutzt! Verfasst wurden Beiträge, die ­ bisweilen wohl über die bewusste Intention der Autorinnen und Autoren hinaus ­ in einem umfassenderen Sinne Zeugnis von der Erotik der Geschichte ablegen und dabei auch weit über das Feld von Macht und Ohnmacht hinausgehen.
Im ersten Teil skizzieren zwei Historiker, ein Filmemacher und eine Historikerin ihre persönlichen Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Geschichte. Sacha Zala thematisiert unter dem Titel «Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte». Unzeitgemässe Betrachtungen eines «Junghistorikers» seine Einstellung zur Geschichtswissenschaft vor dem Hintergrund der Frage, welche Bestimmung die Geschichtswissenschaft für die Gesellschaft erfüllen soll. Sophie Pavillon beleuchtet einen anderen Aspekt der mitunter schwierigen Beziehungen zwischen Geschichtswissenschaft und Gesellschaft. In ihrem Beitrag Histoire et pouvoir: un marché exclusif? reflektiert sie den Zusammenhang zwischen materieller Abhängigkeit bzw. Unabhängigkeit und Gedankenfreiheit. Georg Kreis geht in seinem Artikel Niklaus Meienberg nach 25 Jahren: ein Kommentar zu einem Kommentar auf seine Kritik aus den 70er-Jahren am Film über die «Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» ein. Er macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass sowohl gesellschaftliche Rahmenbedingungen als auch persönliche Erfahrungen die Formulierung von Geschichtsbildern prägen und damit auch einem dauernden Wandel unterwerfen. Den Abschluss macht Frédéric Gonseth, der unter dem Titel Du côté de l'histoire à l'ombre du pouvoir mit seinem geschärften Blick des Filmemachers Fragen der Macht und Ohnmacht von Geschichte thematisiert.
Der zweite Teil präsentiert mit einer Textcollage und einem Fotobeitrag ebenso persönliche als auch ungewöhnliche und ungewohnte Darstellungsformen. Die Textcollage Reflexionen des eigenen Handelns umfasst Kurzbeiträge der traverse-Beirätinnen und -Beiräte Martin Schaffner, Giuseppe Fossati, Peter Pfrunder, Susanna Burghartz, Guy P. Marchal, Claude Calame, Christoph Graf und Elisabeth Joris. Sie alle haben sich freundlicherweise bereit erklärt, ihre Sicht von der Macht und Ohnmacht der Geschichte knapp zu skizzieren und damit unseren Leserinnen und Leser eine Möglichkeit zu bieten, sie einmal von einer anderen, eher ungewohnten Seite kennen zu lernen. Ebenfalls ungewohnt für Historikerinnen und Historiker ist sicher auch der Fotobeitrag von Dominik Labhardt, der Bilder zur Erotik der Geschichte präsentiert, die wenig gemeinsam haben mit dem, was Historikerinnen und Historikern als Erstes in den Sinn kommt, wenn sie in diesem Zusammenhang an Macht und Ohnmacht denken.
Im dritten Teil setzen sich zwei Historikerinnen und zwei Historiker mit der Frage auseinander, welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, dass Geschichtswissenschaft ungehindert und damit erfolgreich betrieben werden kann. Im Sinne eines Kontrapunkts zum ersten Teil, der in erster Linie Einblicke in persönliche Erfahrungen der Autorinnen und Autoren erlaubt, geht es mit diesen Beiträgen darum, einige allgemeinere Überlegungen anzustellen. Sarah Vanessa Losego verweist mit ihrem Artikel Die soziale Logik (auto)biografischen Erinnerns auf einen Aspekt von Macht und Ohnmacht, der häufig vergessen geht: Sie zeigt auf, wie selektiv sich die Konstruktion von Erinnerung im Hinblick auf deren gesellschaftliche Geltung vollzieht und damit zur Legitimierung von sozialer Dominanz beiträgt. Einem in den letzten Jahren sehr oft thematisierten Aspekt von Macht und Ohnmacht widmet sich Roland Gysin. Sein Beitrag Vom Nutzen der Historie in der Privatwirtschaft. Historikerinnen und Historiker forschen in Schweizer Firmen über Geschäfte in Nazideutschland stellt die kritische Frage nach den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen in den Archiven der Privatwirtschaft und nach den daraus abzuleitenden Folgerungen für die Zukunft. Jörg Fisch entwickelt in seinem Artikel Die Historie und das Jüngste Gericht anhand zweier Beispiele die These, wonach historische Urteile permanent einer Revision bedürfen, um nicht zu juristischen Urteilen zu werden. Die heiklen Beziehungen zwischen Geschichtswissenschaft und Justiz werden anschliessend auch von Brigitte Studer thematisiert. Unter dem Titel Geschichte als Gericht ­ Geschichte vor Gericht. Oder: Wie justiziabel ist die Historie? geht sie diesem in den letzten Jahrzehnten gewachsenen Spannungsverhältnis und dem damit verbundenen Konfliktpotenzial nach.
Und die Erotik der Geschichte? Können wir sie nun dank dieser Beiträge präziser fassen? Wir hoffen es. Denn zeigen die zusammengestellten Texte und Bilder nicht deutlich, dass unser Verhältnis zu Vergangenheit und Geschichte ein sehr emotionales bleibt? Und dieses Verhältnis letztlich auch davon lebt, dass wir enthüllen wollen, was die verstrichene Zeit verborgen hält, so wie wir verhüllen wollen, was die Vergangenheit uns unter die Nase reibt?