Thomas Ch. Müller, Jonas Römer, Frédéric Sardet (Hg.)

Religion und Macht – Religion et pouvoir

Traverse 2000/3

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 2000
2000. 200 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-21-9

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Zusammenfassung

Religion und Macht

Thomas Christian Müller, Jonas Römer, Frédéric Sardet

Im ausgehenden 20. Jahrhundert spielt Religion weltweit in zahlreichen Konflikten eine ebenso prominente wie verhängnisvolle Rolle. Wurde im Zuge des Aufbruchs der Moderne und der Säkularisation noch das baldige Ende der religiös bestimmten Weltordnung vorausgesagt, so kann man heute feststellen, dass sich diese Prophezeiung nur für einige Teile der Welt und nur ansatzweise bewahrheitet hat. In bezug auf andere Regionen, wo Religion und Konfession nach wie vor beziehungsweise wieder im Brennpunkt politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen stehen, ist es wohl kaum übertrieben, von einer eigentlichen Renaissance der Religion, ja von einem weiteren konfessionellen Zeitalter zu sprechen. Selbst im weitgehend säkularisierten Westeuropa ist die individuelle und kollektive Nachfrage nach übergeordneter Sinn- und Orientierungsstiftung nach wie vor stark. Gleichzeitig haben hier die (etablierten) christlichen Kirchen aber stark an gesellschaftlicher Bedeutung eingebüsst.(1)
Als Folge des Mauerfalls, der zum nachhaltigen Verlust einer politischen Utopie führte, geriet das Thema Religion wieder stärker ins Blickfeld der Sozialwissenschaften und hat auch innerhalb der Geschichtswissenschaften zu einem Umdenken geführt:(2) Religion wird nun auch für das «Zeitalter der Säkularisierung» als bedeutender Faktor für die gesellschaftliche Entwicklung angesehen.(3) So wurde etwa das 19. Jahrhundert in Analogie zum 16. unlängst als «Zweites konfessionelles Zeitalter»(4) bezeichnet ­ nicht ohne eine gewisse Berechtigung, denn Säkularisierung und Konfessionalisierung scheinen sich nicht auszuschliessen, sondern vielmehr zu bedingen. In der Tat war die europäische Gesellschaft, insbesondere der katholische Kulturraum, wohl selten so stark von kirchlichen Strukturen durchdrungen wie am Ende des sogenannten «Kulturkampfs», als die Konfessionalisierung sämtliche Lebensbereiche berührte.
Dieses Heft trägt den Titel Religion und Macht. Die beiden Begriffe können unterschiedlich miteinander verknüpft werden, und die Annäherung an das Thema ist aus den verschiedensten Perspektiven möglich. Religion hat eine kulturelle und normative Funktion (als identitäts- und orientierungsbildende Institution), eine gesellschaftliche Funktion (als gemeinschaftsbildende Institution) und nicht zuletzt eine politische Funktion (als Legitimation von Machtansprüchen und staatsrechtlichen Ordnungen). Diese Funktionen sind nicht immer klar zu trennen, sie alle berühren jedoch die Frage nach der normprägenden Kraft von Religion, die hier im Zentrum steht. Die vorliegenden Beiträge befassen sich zum einen mit dem Umgang gesellschaftlicher Institutionen im weitesten Sinn (Regierungen, Parteien, Interessengruppen, Minderheiten etc.) mit religiösen Glaubenssystemen, zum andern mit der Haltung religiöser Gemeinschaften oder Individuen gegenüber der politischen Macht: Wie entwickelten sich vor jeweils unterschiedlichen sozialhistorischen und soziokulturellen Hintergründen die Verbindungen zwischen Religion und Macht? Zur Macht, die diese Gemeinschaften selber ausüben (auf ihre Mitglieder oder auf die Gesellschaft) oder zur Macht, gegenüber der sie sich zu behaupten haben, von der sie sich abgrenzen oder die sie zu beeinflussen versuchen? Alle Beiträge deuten darauf hin, dass hinter der andauernden Wirkungsmächtigkeit von Religion das ungebrochene menschliche Bedürfnis steht, individuelle und kollektive Identitäten in der Transzendenz zu (be)gründen.
Im Entstehungsprozess dieses Hefts zeigte sich immer deutlicher, dass zur Beschreibung der komplexen Verbindungen zwischen Religion und Macht neben sozial- und politikgeschichtlichen Ansätzen auch eine kulturgeschichtliche Betrachtungsweise, die sich für die langfristigen Auswirkungen religiöser Glaubenssysteme auf politische Macht interessiert, nicht ausser acht gelassen werden darf. Dass die Auseinandersetzung mit einem so vielschichtigen Thema nur Teilbereiche ­ sowohl zeitlich als räumlich ­ abdecken kann, versteht sich von selbst. Die Beiträge beschäftigen sich ­ von zwei Ausnahmen abgesehen ­ vor allem mit dem 19. und dem 20. Jahrhundert; geographisch beschränken sie sich auf den christlichen Kulturkreis in Europa und in den USA. Auf den Einbezug anderer Religionen (Islam,(5) Judentum, Buddhismus, Hinduismus etc.) musste leider verzichtet werden. Bereits der Versuch, die drei wichtigsten christlichen Kulturkreise Europas (Katholizismus, Protestantismus und Orthodoxie) gebührend zu berücksichtigen, erwies sich als lohnendes, wenn auch anspruchsvolles Unterfangen.
Für Patrick Michel (Interview) hat die momentane Sichtbarkeit des Religiösen nichts mit einer Offensive der Religionen zu tun. Dass Religion noch immer die wichtigste identitätsstiftende Ressource darstellt, erklärt er damit, dass sie als jederzeit verfügbare, leicht zu instrumentalisierende Sinngebungsinstanz nichts an Attraktivität eingebüsst hat. Da glaubhafte politische Utopien als Alternative zur Zeit nicht in Sicht seien (erst recht nicht nach der Disqualifizierung der kommunistischen Idee), stehe Religion auf diesem Gebiet sozusagen konkurrenzlos da.
Christine Matter geht dem anhaltenden Einfluss christlicher Symbolik in den Vereinigten Staaten nach und vertritt die These, dass die religiöse Verabsolutierung des Individuums und die institutionelle Loslösung und Subjektivierung der religiösen Erfahrung, wie sie für Westeuropa gelte, auf die amerikanische Entwicklung nicht zutreffe. Ansatzpunkt ihrer Ausführungen ist die Entwicklung des amerikanischen Nationalstaats, für deren Verlauf sich eine historisch ungebrochene Kontinuität der Religion und ein ungebrochenes Verhältnis zu religiöser Transzendenz feststellen lasse.
Während in Frankreich religiöse und «nationale» Transzendenz in Konkurrenz standen, kam es in Nordirland ­ dazu der Aufsatz von Duncan Morrow ­ zur unheilvollen Kombination konfessioneller und nationaler Transzendenz. Trotz Säkularisierung der Gesellschaft und stark nachlassender Bindung der nordirischen Bevölkerung an kirchliche Institutionen wird nationale Identität noch immer über Konfession definiert. Der Nordirlandkonflikt könne, so der Autor, nur beigelegt werden, wenn sich Protestanten und Katholiken vom Absolutheitsanspruch ihrer Religionen lösten.
Der Beitrag von Olivier Gillet zeigt, dass die enge Verbindung zwischen orthodoxer Kirche und nationaler Identität auch in Rumänien Tradition hat. Orthodoxe Theologen entwickelten im Laufe des 20. Jahrhunderts zuweilen radikal nationalistische Positionen und standen der faschistischen Legionärsbewegung in den 30er Jahren sehr nahe. Als 1989 die orthodoxe Kirche Rumäniens ihren Anspruch bekräftigte, in der Gesellschaft eine aktive Rolle spielen zu wollen, erlebte ultranationalistisches Gedankengut eine Renaissance, und es kam erneut zur Verbindung von Orthodoxie und extremer Rechte, was die Demokratisierung des rumänischen Staats erheblich gefährdete.
Der Aufsatz von Lionel Bartolini und Jean-Daniel Morerod befasst sich mit der komplexen konfessionellen und institutionellen Situation im Fürstentum Neuenburg zur Zeit der Reformation. Am Beispiel des Städtchens Landeron zeigen die Autoren, mit welchen Prinzipien und Argumenten während Jahrzehnten um die konfessionelle Zugehörigkeit einer einzelnen Gemeinde gefochten wurde.
Jonas Römer erörtert am Beispiel der Helvetischen Republik die Frage nach der legitimitätsstiftenden Rolle von Religion in einem revolutionären Régime. Der Beitrag richtet sein Augenmerk auf die Stellungnahmen der Kirchenvertreter zum Bürgereid von 1798 und stellt fest, dass der Eid nur dort problemlos geleistet wurde, wo die Geistlichen diesen für unbedenklich erklärten. Die helvetische Regierung, die ihren Machtanspruch gerade nicht mit religiösen Argumenten legitimieren wollte, war zur Konsolidierung ihrer Herrschaft paradoxerweise auf religiöse Argumente und auf die Mithilfe kirchlicher Instanzen angewiesen.
Der Aufsatz von Josef Lang beleuchtet die Ultramontanisierung des katholischen Klerus in der Schweiz und seine Auswirkungen auf die Organisierung des katholischen Milieus. Durch die Ausgrenzung «dissidenter» Kleriker, durch Eingriffe in die Priesterausbildung und die Öffnung der Priesterkarriere für Angehörige der ländlichen Unterschicht gelang dem katholischen Konservatismus die Gründung eines hervorragend organisierten, weltanschaulich geschlossenen und angesehenen Kaders, wie ihn weder Freisinn noch Sozialdemokratie hervorbrachten.
Ruth Fivaz-Silbermann untersucht die Handlungsmöglichkeiten des Schweizer Priesters Abbé Albert Gross im Rahmen seiner Mission im französischen Internierungslager von Gurs während des Zweiten Weltkriegs. Als einer der ersten nutzte er die Flüchtlingskategorie der «non-refoulables» und rettete als Christen deklarierte jüdische Flüchtlinge vor der Ausschaffung aus der Schweiz. Die Autorin vertritt die These, das Verhalten des Abtes sei von einer stupenden «Modernität» gewesen, da sich dieser sowohl über politisch-rechtliche Vorschriften als auch über religiöse und ethnische Vorurteile hinweggesetzt habe.
Die Photographin Suzie Maeder befasst sich mit der vielleicht sichtbarsten Demonstration geistlicher Macht in Rom, nämlich mit den ägyptischen Obelisken, die seit Ende des 16. Jahrhunderts von mehreren Päpsten wiederaufgerichtet und in christliche Symbole verwandelt wurden. Von den etwa 40 Obelisken, welche die römischen Kaiser nach Rom schaffen liessen, überstand nur ein einziger das Mittelalter in aufrechter Stellung: der vatikanische. 1586 liess ihn Papst Sixtus V. durch den Architekten Domenico Fontana in einer spektakulären Aktion in die Mitte des Petersplatzes versetzen. Heute zählt Rom zwölf «christliche» und einen «zivilen» Obelisken. Letzterer wurde 1887 vom italienischen Staat als Denkmal an die im Massaker von Dogali (Abessinien) gefallenen italienischen Soldaten vor dem «Termini»-Bahnhof errichtet.
Auch der Debattebeitrag passt zum Schwerpunktthema: Mit dem Blick von aussen äussert sich der Wiener Historiker Otto Weiss kritisch zur Kontroverse zwischen Olaf Blaschke und Urs Altermatt.(6)

Anmerkungen

(1) Der französische Historiker René Rémond etwa spricht von Marginalisierung des Religiösen und schleichender Säkularisierung. René Rémond, Religion und Gesellschaft. Von 1789 bis zur Gegenwart, München 2000, 264 f., 270, 272.
(2) Zum Forschungsstand der Kirchengeschichte v. a. im deutschen Sprachraum siehe Kurt Nowak, «Kirchengeschichte des 19./20. Jahrhunderts», Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Heft 3 und 4 (März/April 2000), 190­266.
(3) Für die neuere Literatur in der Katholizismusforschung im deutschsprachigen Raum sei auf den umfangreichen Literaturbericht von Karl-Egon Lönne in Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), 128­170, hingewiesen. (Otto Weiss rezensiert diese Nummer im thematischen Besprechungsteil). Für die Zeit vor 1800 siehe die Überblicksdarstellung von Kaspar von Greyerz, Religion und Kultur. Europa 1500­1800, Göttingen 2000, mit umfangreichen Literaturangaben. Für die französische und internationale Geschichtsschreibung im Bereich des Christentums sei auf die monumentale Gesamtdarstellung Die Geschichte des Christentums. Religion ­ Politik ­ Kultur, hg. von Norbert Brox et al., Freiburg 1991, hingewiesen, besonders auf die Bände 10, 11, 12 und 13.
(4) Olaf Blaschke, «Das 19. Jahrhundert: Ein Zweites Konfessionelles Zeitalter?», Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), 38­75.
(5) Siehe die Doppelrezension von Clemens P. Sidorko in dieser Nummer.
(6) Vgl. die Stellungnahmen der beiden Kontrahenten in der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte 50 (2000), 204­236.