Nicole Schaad, Angelus Eisinger (Hg.)

«Arbeitsgeschichte»: update 2000 – «Histoire ouvrière»: update 2000

Traverse 2000/2

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 2000
2000. 191 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-20-2

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Zusammenfassung

«Arbeitergeschichte»: Update 2000

Nicole Schaad und Angelus Eisinger

Die methodischen, theoretischen und ideologischen Leitbilder der Arbeitergeschichte sind in die Jahre gekommen.(1) Marcel van der Linden versah den 1993 erschienenen Sonderband der International Review of Social History mit dem vielsagenden Titel «The End of Labour History?».(2) Das grosse Fragezeichen am Ende zielte auf die Orientierungslosigkeit der Arbeitergeschichte: ein Forschungsfeld, das einst für einen pionierhaften Aufbruch stand, welches heute aber Gefahr läuft, den Anschluss an jüngere Debatten zu verlieren.
Wichtige ­ wenn auch nur partielle ­ Impulse für die Arbeitergeschichte und die Allgemeine Geschichte kamen zwar bereits in den 1980er Jahren aus der Alltags- und Geschlechtergeschichte.(3) Die analytischen Kategorien «Geschlecht» und «Erfahrung» öffneten den Blick für die Eindimensionalität des bisher verwendeten Klassenbegriffs. Zudem beschleunigten sie unter anderem die Abkehr vom starren dichotomischen Klassenkonzept mit seinem «Oben» und «Unten». Die notwendige Neuorientierung der Arbeitergeschichte wollte dennoch nicht recht in Gang kommen, während sich das Forschungsinteresse auf andere Bereiche verlagerte: Auf «neue soziale Bewegungen», auf Konsumformen, Freizeit, Familie und Nachbarschaftsbeziehungen, in denen Entstehungsprozesse(4) von Geschlecht, Macht, Bewusstsein, Kultur und Identität untersucht wurden.
Die Konjunktur und Krise der Arbeitergeschichte verläuft je nach Forschungskontext freilich unterschiedlich: In der angloamerikanischen Debatte beschäftigten sich die Forschenden der Arbeitergeschichte bereits seit zwei Jahrzehnten mit sprach- und diskursanalytischen, kulturorientierten und konstruktivistischen Ansätzen, während in der deutschsprachigen Diskussion eine an Strukturen des Sozialen, Ökonomischen und Politischen interessierte Sozialgeschichte dominierte. In der Forschungspraxis werden die unterschiedlichen theoretischen und methodischen Ansätze mittlerweile miteinander verbunden.
Ein kurzer Blick auf die Entwicklungen in der schweizerischen Debatte zeigt ­ diese Einschätzung ergänzend ­ vor allem zwei Dinge:(5) Einmal waren lange Zeit viele der schweizerischen Beiträge eher der deutschen strukturorientierten sozialgeschichtlichen Richtung verpflichtet, trugen oft Wesentliches zu ihr bei und öffneten sich deshalb ähnlich zögernd den neueren Ansätzen aus dem angelsächsischen Raum. Ein weiterer wesentlicher Aspekt der schweizerischen «Arbeitergeschichte» der letzten Jahrzehnte darf nicht vergessen werden. Arbeitergeschichtsschreibung war gerade in den 1960er und frühen 1970er Jahren «Geschichte von unten» par excellence. Nicht wenige der Arbeiterhistoriker und -historikerinnen bezogen ihre Motivation aus einer Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Die enttäuschten Erwartungen dieses Geschichtsverständnisses verstärkten auch in der Schweiz die Abwanderungsbewegungen zu den neuen Forschungsfeldern wie «Alltag» und «Frauengeschichte», die nicht nur neue Fragen an die Arbeitergeschichte stellten, sondern sie auch mit methodischen und theoretischen Innovationen bereicherten.(6)
Ist Arbeitergeschichte erneuerbar? Und wo kann sie von neuen prozess- und handlungsorientierten Ansätzen profitieren? Diese Fragen werden in der hier vorgelegten Ausgabe von traverse erörtert. Sie knüpft an eine Tagung an, die unter dem Patronat des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) im März 1999 in Bern unter dem Titel «Objektive Bedingungen und subjektive Erfahrungen: neue theoretische Ansätze in der Geschichte der Arbeiter und Arbeiterinnen» durchgeführt worden war. Ein Teil der Tagungsreferate sind in diesem Band veröffentlicht.
Thomas Welskopp beschäftigt sich mit den Herausforderungen theoretischer Modelle, aus denen sich Perspektiven für eine «Neue» Arbeitergeschichte formulieren lassen. Dabei betont er angesichts der zunehmenden Vielfalt und Spezialisierung der Arbeitergeschichte die Notwendigkeit, zwischen Sozial- und Kulturgeschichte oder Akteurs- und Systemgeschichte zu vermitteln: mit dem Begriff der «sozialen Praxis» und mit der Einsicht, komplexe Identitätskonstruktionen in der historischen Arbeiterschaft zuzulassen sowie Prozesse der Gemeinschaftsbildung und Vergesellschaftung zu berücksichtigen. Überdies fordert er, den analytischen Klassenbegriff zu modernisieren und auf soziale Handlungsfelder kapitalistischer Gesellschaften zu erweitern.
Kathleen Canning bringt aus der kulturwissenschaftlichen Forschung linguistische, diskursive und symbolische Aspekte in die Arbeitergeschichte ein. Ausgehend von der angloamerikanischen Debatte skizziert sie die Impulse der Geschlechtergeschichte für die Arbeitergeschichte: mit der Kategorie «Geschlecht» werden bestehende Interpretationsmuster dekonstruiert und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auch als Produkt von Diskursen (gendered narratives) analysiert. Canning verbindet die Kategorien «Geschlecht», «Klasse», «Staatsbürgerschaft» und «Nation» zu einem Forschungsfeld und zeigt anhand methodischer Überlegungen zur Körpergeschichte, wie diese gemeinsam die Arbeitergeschichte «beleben» könnten.
Ausgehend vom Paradigmenwechsel der Geschichtsschreibung befasst sich Jakob Tanner mit kulturalistischen Ansätzen, die konstruktivistisch und handlungstheoretisch begründet sind: im Zentrum stehen diskursive Strategien der Arbeiterbewegung und die Bedeutung von Bildern für Kommunikationsprozesse. Zunächst diskutiert der Autor an Textbeispielen aufgeworfene theoretische und methodische Fragen, die er anschliessend mit Bildern um eine symbolische, ikonographische und semiotische Lektüre ergänzt. Er verdeutlicht den Übergang vom proletarischen Habitus zur Inszenierung des normalen, prosperierenden Staatsbürgers. Indem er den Handlungsbegriff um den Zugang von Diskursen und visueller Kommunikation erweitert, zeigt er mögliche Perspektiven für sozial- und kulturhistorische Ansätze in der Arbeitergeschichte auf.
Die internationale Gewerkschaftsbewegung hat bis heute in der Debatte um die Neuorientierung der Arbeitergeschichte keine wesentliche Rolle gespielt. Madeleine Herren interessiert sich für die Gründe der wissenschaftlichen Zurückhaltung, die sie vor allem in der Nabelschau verortet, die Unterschiede betont und einen international vergleichenden Ansatz erschwert. Die Autorin stellt neuere Untersuchungen zur internationalen Gewerkschaftsbewegung vor und skizziert abschliessend Forschungsperspektiven für die Geschichte der internationalen Gewerkschaftsbewegung.
David Muheim beschäftigt sich mit den sogenannten Hilfsgesellschaften und der kontroversen Diskussion über das erste Eidgenössische Krankenversicherungsgesetz, das 1900 in der Volksabstimmung abgelehnt wurde. Die vom Autor untersuchte Fédération des Sociétés de secours mutuels de la Suisse romande war gegen eine obligatorische und soziale Versicherung, musste sich dann aber mit der Einführung des eidgenössischen Kranken- und Unfallversicherungsgesetzes 1918 dem Wandel zur modernen Versicherungsgesellschaft unterziehen. Der Autor stellt die unterschiedlichen Positionen und verschiedenen Strukturen dieser Hilfsgesellschaften wie auch ihr Verhältnis zur Arbeiterbewegung vor.
Charles Heimberg diskutiert am Beispiel des Absinthverbots zu Beginn des 20. Jahrhunderts die soziale Lage und Befindlichkeit der politischen Arbeiterbewegung in der Westschweiz. Die Initiative über ein Absinthverbot wurde in einer emotionalen, angespannten Atmosphäre im Anschluss an einen Mordfall lanciert, bei welchem Alkohol im Spiel war: der Abstimmungskampf löste innerhalb der Arbeiterbewegung, insbesondere in der Westschweiz, heftige Kontroversen aus.
Die Beiträge geben einen Einblick in die internationale, aber auch nationale Neuorientierung der Arbeitergeschichte. Gemeinsam verweisen sie auf einen Forschungsbedarf: Darin wird kollektives Handeln und Bewusstsein nicht als selbstverständlich betrachtet, sondern vielmehr nach den Entstehungsbedingungen gefragt; Klassenbeziehungen werden auf Milieus erweitert und Machtfelder sowie Herrschaftsstrukturen in ihrer Heterogenität und Dynamik untersucht; Organisationen und Institutionen werden in ihrer sozialen Praxis und symbolischen Dimension analysiert; und schliesslich wird der Begriff der «Klasse» in seiner konstruktivistischen Ausprägung als relationale Kategorie in Verbindung mit anderen Kategorien wie Geschlecht und Ethnizität begriffen.

Anmerkungen

(1) Thomas Welskopp, «Von der verhinderten Heldengeschichte des Proletariats zur vergleichenden Sozialgeschichte der Arbeiterschaft ­ Perspektiven der Arbeitergeschichtsschreibung in den 1990er Jahren», in 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 3 (1993), 34­53.
(2) Marcel van der Linden (Hg.), «The End of Labour History?» Sonderheft der International Review of Social History 38 (1993).
(3) Vgl. Joan W. Scott, Gender and the Politics of History, New York 1988; Alf Lüdtke (Hg.), Alltagsgeschichte: zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt a. M. 1989.
(4) Vgl. Edward P. Thompson, The Making of the English Working Class, Harmondsworth 1979 (zuerst 1963): bereits in dieser Untersuchung hatte sich E. P. Thompson für die Entstehungsbedingungen der Arbeiterklasse interessiert.
(5) Einen Überblick bieten Brigitte Studer, François Valloton (Hg.), Sozialgeschichte und Arbeiterbewegung. Eine historiographische Bilanz 1848­1998, Zürich 1998. Zu den Schweizer Pionierarbeiten aus frühen Jahren zählen v. a.: Rudolf Braun, Sozialer und kultureller Wandel in einem ländlichen Industriegebiet, Zürich 1999 (erstmals 1965); Rudolf Vetterli, Industriearbeit, Arbeiterbewusstsein und gewerkschaftliche Organisation, Göttingen 1978.
(6) Vgl. u. a.: Elisabeth Joris, Heidi Witzig (Hg.), Frauengeschichte(n). Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz, Zürich 1986; siehe auch die Anschlussuntersuchung derselben Autorinnen: Brave Frauen und aufmüpfige Weiber. Wie sich die Industrialisierung auf Alltag und Lebenszusammenhänge von Frauen auswirkte (1820­1940), Zürich 1992.