Regina Wecker, Béatrice Ziegler (Hg.)

Das allgemeine Geschlecht – La généralité du genre

Traverse 2000/1

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 2000
2000. 200 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-19-6

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Zusammenfassung

Das allgemeine Geschlecht

Regina Wecker und Béatrice Ziegler

Frauen- und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen haben in den vergangenen Jahrzehnten in der Geschichtswissenschaft zu ganz neuen Perspektiven und Forschungsresultaten geführt. Frauen- und Geschlechtergeschichte ist aufs engste verbunden mit der Diskussion neuer methodischer Ansätze, sie hat zentrale Denkmuster, Grundannahmen und Periodisierungen der Historiografie in Frage gestellt, ist zur wichtigen Herausforderung für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wie für die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte geworden und hat die «Relevanztopografie» der Geschichtsschreibung verändert. Sie hat die Definition und das Verständnis traditioneller historischer Felder erweitert und neue Felder als Bereiche historischer Forschung etabliert: So wurden Politik und die Bedeutung des Politischen ausgeweitet und Geschlecht und Ge-schlechterdifferenz ­ im Prozess der Formierung der neuen Wissenschaften im 19. Jahrhundert der Biologie oder der Medizin zugeteilt ­ für die Geschichtswissenschaft zurückgewonnen.
Dabei ist die Definition von «allgemeiner Geschichte», die hierarchisierend die Frauen- und Geschlechtergeschichte auf eine Position der Partikulargeschichte verwies, eine grundlegende Herausforderung geblieben. Die Feststellung, dass die sogenannt Allgemeine Geschichte die Geschichte von Frauen systematisch ausgeblendet hat, war zentral für die Anfänge der Frauengeschichte; der Begriff selbst war Angriff auf eine Geschichte, die sich als Allgemeine Geschichte gebärdet, deren Aussagen, Paradigmen und Kategorien aber nur dann Erklä-rungskraft haben, wenn sie die Realität von Frauen weitgehend ausblendet. Die gegenwärtige Diskussion bewegt sich zwischen Vorstellungen von der Auflösung der Allgemeinen Geschichte in eine Vielheit von Geschichten und der Konzeption neuer Metanarrativen, welche die Geschichte von Frauen und die Kategorie Geschlecht umfassen.
Die vorliegende Ausgabe von traverse enthält Beiträge, die sich mit diesen weitreichenden Fragestellungen, Konzepten und Methoden auseinandersetzen, sie exemplarisch anwenden. Ziel ist es dabei nicht, Bilanz aus 30 Jahren Geschlechterforschung zu ziehen; vielmehr soll das anregende Potential dieses Ansatzes auf ganz unterschiedlichen Ebenen sichtbar gemacht werden und Raum für die Suche nach neuem, experimentieren-dem Umgang mit dem «Material» geschaffen werden. Auf diese Weise wird ein Prozess vorangetrieben, in dem sich die Allgemeinheit der Kategorie Geschlecht insofern erweist, als sie zum selbstverständlichen Bestandteil historischer Forschung wird.
Die vorliegenden Beiträge sind im Zeitraum zwischen der Frühen Neuzeit und dem 20. Jahrhundert angesiedelt. Die Mehrzahl der Aufsätze arbeitet mit Quellen aus Schweizer Archiven oder bezieht sich auf den Schweizer Forschungskontext. Die Arbeiten verweisen damit auf die Bedeutung, die geschlechtergeschichtliche Forschung für die Schweizer Geschichte hat, ermöglichen den Anschluss an neue Forschungsfragen und vermindern die Vorstellungen von Partikulargeschichte, die sich so oft mit der schweizergeschichtlichen Forschung verbinden.
Susanna Burghartz befasst sich in ihrem Beitrag mit dem Verhältnis von Frauen- und Geschlechtergeschichte zu historischem Wandel. Am Beispiel der früh-neuzeitlichen Moralpolitik reformierter Städte fragt sie nach den Massstäben von Historizität, Kontinuität und Wandel. Sie zeigt dabei, dass nicht nur Wandel und Veränderung, sondern auch Kontinuität Ergebnisse permanenter historischer Anstrengungen sind. Darüber hinaus wird deutlich, dass gerade die Kontinuität spezifischer historischer Konstellationen ihrerseits Wandel hervorbringen kann. Methodisch stellt ihre Analyse des Reinheitsdiskurses eine Verbindung zwischen postmodernem Interesse an Dekonstruktion und strukturgeschichtlichem Interesse an Kontinuität und Wandel dar. Sie schliesst damit für den Bereich der Geschichte der Frühen Neuzeit an neueste methodische Diskussionen an, und zeigt deren allgemeine Bedeutung und Reichweite für die Geschichtswissenschaft.
Ulrike Strassers Aufsatz ist der Entwicklung der Geschlechtertheorie der letzten Jahre gewidmet. Sie analysiert die Gründe dafür, dass die Geschichtswissenschaft in der Theoriediskussion nicht nur ihre Stellung unter den führenden Disziplinen verloren hat, sondern sich auch mit den Herausforderungen postmoderner Ansätze und ihrer Umsetzung in konkrete historische Forschungsvorhaben schwer tut. Ihre Feststellung, dass Geschichtswissenschaft eigentlich prädestiniert ist, in die gegenwärtige Debatte aktiv zu intervenieren und die Diskussion wieder massgeblich mitzubestimmen, kann als Aufforderung an Historikerinnen gelesen werden, diese Möglichkeiten in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu nutzen.
50 Jahre nach dem Erscheinen von Simone de Beauvoirs Deuxième sexe hat ­ wie Sylvie Chaperon in ihrem Beitrag zeigt ­ die Auseinandersetzung mit dem Werk neue Aktualität erhalten. Im Zentrum des heutigen Interesses, das sich in Tagungen und Publikationen manifestiert, stehen vor allem die Entstehungszusammenhänge und die Rezeptionsgeschichte, die sich als eine Geschichte des feministischen Denkens der letzten 40 Jahre darstellen lassen. Gerade die jüngsten Werke betonen die dekonstruktivistischen Ansätze und Qualitäten Beauvoirs und zeigen damit die Vitalität dieses Klassikers feministischen Denkens.
Peter Mosers Überlegungen zur «Vergesellschaftung» der Landwirtschaft in der Industriegesellschaft gehen von der Parallelität der Haltung der Industriegesellschaft gegenüber der ländlichen und der weiblichen Bevölkerung aus. Die Funktionslogik dieser Entwicklung konkretisiert sich für Frauen in Ausgrenzungs-, für die Landwirtschaft dagegen in Einbindungsstrategien. Die strukturellen Ähnlichkeiten des Verhältnisses «Frauen ­ Staat» und «Landwirtschaft ­ Staat» regen ihn dazu an, Konzepte der Frauen- und Geschlechtergeschichte für die Geschichte der Entwicklung des Agrarsektors in der Schweiz zu nutzen.
In der Bevölkerungsgeschichte und einer bevölkerungsgeschichtlich orientierten Familiengeschichte wurden Frauen bis anhin als generative Grösse behandelt. Anne-Françoise Praz holt mit der Einführung der Kategorie Geschlecht Menschen als handelnde Subjekte zurück. Indem sie Familiengrössen, Geschlecht der Kinder und Ausbildungsentscheide ihrer Eltern kombiniert, zeigt sie exemplarisch, dass im Prozess der Modernisierung der Gesellschaft durch konkrete Entscheide die geschlechtliche Hierarchisierung unter veränderten Rahmenbedingungen wiederhergestellt wird. Die in diesem Zusammenhang gefällten Entscheide reagieren auf soziale Bedingungen, folgen aber auch den Diskursen zur gesellschaftlichen Stellung von Männern und Frauen.
Am Beispiel von Ehekonflikten in Uri im 19. Jahrhundert fragt Claudia Töngi nach dem Zusammenhang von Gewalt und Männlichkeit im häuslichen Bereich. Das Ehemodell des züchtigenden Hausvaters ermöglichte es Männern, Gewalt nicht als Antwort auf Machtverlust zu sehen, sondern sie als Konsequenz ihrer Macht zu rechtfertigen. Das zeigt, dass innereheliche Gewalt zwar Ausdruck in Frage gestellter Männlichkeit und Antwort auf eine befürchtete Machtverschiebung innerhalb der Ehe war, dass sie aber ebenso der Erzeugung und Bestätigung männlicher Identität diente, die über diesen privaten Rahmen hinausging. Damit werden verschiedene Wechselbeziehungen von Macht und Geschlecht, aber auch die Form, wie Machtverhältnisse in Geschlechterverhältnisse eingeschrieben werden, fassbar.
In Caroline Arnis Aufsatz über die Ehescheidung des sozialdemokratischen Politikers Robert Grimm wird nicht nur nochmals deutlich, wie verschlungen private Beziehungen und politische Identität sind, sondern auch dass die Angleichung an bürgerliche (Ehe-)Vorstellungen Voraussetzung einer erfolgreichen politischen und sozialen Integration der Arbeiterschaft in den bürgerlichen Staat waren. Hier werden neue Dimensionen der politischen Geschichte erschlossen, die auch die Konstruiertheit der Trennungslinien zwischen den Kategorien «öffentlich» und «privat» sowie «politisch» und «privat» erkennen lassen.
Fragestellungen und Konzepte der Beiträge zeigen Bedeutung und Relevanz der Kategorie Geschlecht für die Geschichte von Frauen und Männern. Sie tragen bei zur Ausformulierung einer Geschlechtergeschichte, die sich als Allgemeine Geschichte versteht, und die zur Erarbeitung von Interpretationen und Theoretisierungen der Allgemeinen Geschichte beiträgt.