Monika Dommann, Marietta Meier (Hg.)

Wissenschaft, die Bilder schafft – Science en images

Traverse 1999/3

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1999
1999. 228 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-18-9

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Zusammenfassung

Wissenschaft, die Bilder schafft

Monika Dommann, Marietta Meier

Was ist AIDS? Wie sieht ein AIDS-Virus aus? Unsere Vorstellungen über den Human Immundefiency Virus (HIV) sind massgeblich geprägt von modellhaften Darstellungen des «Immunsystems» und von technologisch generierten Bildern der infizierten Zellen. Seit der AIDS-Virus Mitte der 1980er Jahre von verschiedenen Forscherteams «identifiziert» worden ist, greifen wissenschaftliche Publikationen, populärwissenschaftliche Darstellungen und Präventionskampagnen auf visuelle Darstellungsmethoden zurück. Bilder und Modelle des AIDS-Virus sind inzwischen millionenfach reproduziert worden und haben sich in die alltagsweltliche Konzeption der Krankheit eingeschrieben. Durch Visualisierungstechniken erhalten komplexe, unsichtbare biochemische Prozesse den Status von Sichtbarkeit und ermöglichen den Transfer und die Diffusion von abstraktem wissenschaftlichem Wissen. Visuelle Darstellungen des AIDS-Virus schaffen jedoch nicht bloss die Voraussetzung für Kommunikation und Verständigung über ein unsichtbares Phänomen, sie erweisen sich auch als anschlussfähig für metaphorische, anschauliche Konzeptionen einer rätselhaften Krankheit. Der kugelförmige, mit Spitzen bewaffnete AIDS-Virus wird im Star-Wars-Zeitalter zur Metapher für den feindlichen Eindringling in das Immunsystem des menschlichen Körpers. Indem die Wissenschaft Bilder schafft, generiert sie also wissenschaftlich geprägte Vorstellungswelten und Wahrnehmungsweisen.
Die Wissenschaftsforschung hat sich seit den 1980er Jahren von einem rein theoriegeleiteten Wissenschaftsverständnis abgewandt und die Analyse wissenschaftlicher Praxis ins Blickfeld gerückt.(1) Die «praktische Wende» hat auch in der Wissenschaftsgeschichte Spuren hinterlassen: Seit Michael Lynch und Steve Woolgar 1990 einen Sammelband zu Repräsentationspraktiken in den Wissenschaften herausgegeben haben, sind Prozesse der Visualisierung bzw. der Inskription, wie sie Bruno Latour nennt, zu einem zentralen Untersuchungsobjekt von WissenschaftshistorikerInnen avanciert.(2) Durch wissenschaftliche Zeichnungen, Graphen, Diagramme, Computerprogramme, Photographien, Röntgenbilder, Kartographien etc. wird wissenschaftliches Wissen überhaupt erst in eine stabile, aussagefähige und kommunizierbare Form gebracht.
Folgende Fragen dienten uns als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit bildschaffenden Prozessen in der wissenschaftlichen Tätigkeit und mit der gesellschaftlichen Rezeption und Adaption von wissenschaftlich-technologisch generierten Bildern: Wie werden unsichtbare Phänomene durch wissenschaftliche und technische Verfahren sichtbar gemacht? Welcher Repräsentationstechniken (Sehapparate, Visualisierungstechnologien, graphische Modelle, Symbole etc.) bedienen sich die WissenschaftlerInnen dabei? Verfügen die Bilder über eine implizite Bedeutung, oder muss nicht vielmehr davon ausgegangen werden, dass sich die Bilder dem/der BetrachterIn erst durch Interaktion kognitiver und kommunikativer Prozesse erschliessen? Handelt es sich bei den geschaffenen Bildern um Abbilder, materielle Spuren, Konstrukte oder Artefakte? Welche Rolle spielen Bilder bei der Modellierung, Stabilisierung und Popularisierung von wissenschaftlichem Wissen? Wie werden Repräsentationen zu «wissenschaftlichen Tatsachen», das heisst, wie gelangen sie innerhalb der scientific community zu Evidenz und wie erhalten sie schliesslich gesellschaftliche Akzeptanz? Welche Funktionen haben wissenschaftliche Bilder in sozialen, politischen oder ökonomischen Diskursen? Welche Wahrnehmungsformen und Sehweisen werden durch die Repräsentationstechniken generiert?
Die AutorInnen der acht Beiträge in diesem Schwerpunktheft stammen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Ihre unterschiedliche Herkunft spiegelt sich auch in einer Vielfalt theoretischer und methodischer Zugänge.
Die ersten drei Beiträge befassen sich mit der Funktion und Bedeutung von medizinischen und anatomischen Abbildungen und Illustrationen. Dabei wird deutlich, dass wissenschaftliche Repräsentationstechniken von soziokulturell modellierten Vorstellungswelten geprägt sind und einem historischen Wandel unterliegen. Bilder dienen einerseits der Popularisierung, Diffusion und Stabilisierung medizinischen Wissens, gleichzeitig sind sie aber auch Ausdruck zeitgenössischer «Denkstile».
Der Medizinhistoriker Andrea Carlino betrachtet in seinem Beitrag anatomische Darstellungen zwischen 1500 und 1800. Er vertritt die These, dass die Künstler und Anatomen für die Repräsentation des menschlichen Körpers aus einem reichen Schatz von Symbolen und Metaphern schöpften und auf mythologische, religiöse und moralische Traditionen zurückgriffen. Anatomische Darstellungen des «anatomischen Ancien régime» zeichnen sich durch einen polysemischen Charakter aus und dienten in einer Epoche, die von humoralpathologischen Konzepten geprägt war, kaum der praktischen Anwendbarkeit, sondern sind vielmehr Ausdruck einer materiellen Vorstellung des menschlichen Körpers.
Stephan Giess beschäftigt sich mit der Rolle, die den Volkskalendern bei der Popularisierung wissenschaftlichen und medizinischen Wissens zukam. «Lasszettel» gehörten seit dem 16. Jahrhundert zum integralen Bestandteil von Volkskalendern. Sie informierten Barbierchirurgen und alle anderen Interessierten über die günstigen Tage für medizinische Behandlungen. Für die Vermittlung humoralpathologischen Wissens kam der Verwendung von Symbolen und Bildern eine grosse Bedeutung zu, da nur durch Abbildungen des Lesens und Schreibens nicht kundige Bevölkerungsschichten erreicht werden konnten.
Johanna Miecznikowski-Fünfschilling, Lorenza Mondada und Christa Pieth berichten über die Verwendung von Bildern in interaktiven medizinischen Diagnoseverfahren. Der Artikel beruht auf einer linguistischen Analyse von Videokonferenzen, in denen Chirurgen aus verschiedenen medizinischen Teams Fragen zu schwierigen klinischen Fällen debattieren. Dabei wird deutlich, dass der Nutzen von Bildern für die praktischen Anforderungen des klinischen Alltags erst durch interaktive Kommunikation erschlossen wird.
Zwei Beiträge widmen sich kartographischen Repräsentationen bzw. der Visualisierung von geographischem und statistischem Wissen: Sybilla Nikolow beschäftigt sich mit statistischen Karten um 1800, welche die Kräfteverhältnisse zwischen einzelnen Staaten abbilden sollten. Die Verwendung statistischer Karten war ein zentrales Element in der pädagogischen Praxis der Philanthropen. Karten wurden dabei als sinnliches Medium für die Wissensvermittlung eingesetzt, um abstrakte Phänomene und Begriffe visuell oder haptisch erfahrbar zu machen. Daniel Speich richtet seinen Blick auf die Entstehung touristischer Aussichtspunkte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sein Interesse gilt der Modellierung von Blickformen durch die Herstellung und Reproduktion kartographischer Bilder. Erst die kartographische Vermessung und Benennung der Schweizer Landschaft ermöglichte die Produktion von reproduzierbaren Panoramabildern und die touristische Nutzung und ökonomische Verwertung von Aussichtspunkten.
Die Entwicklung von Verfahren zur Erzeugung von technisch generierten Bildern Ende 19. Jahrhundert war begleitet von Debatten über die Grenzen des menschlichen Wahrnehmungsvermögens. Photographien und Radiographien schufen neue Einsichten in bislang den Sinnesorganen verschlossene Phänomene und lösten innerhalb der scientific community, aber auch in der breiten Öffentlichkeit Irritationen aus. Zwei Untersuchungen stellen die Grenzverschiebung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren als Folge wissenschaftlicher und technologischer Innovationen ins Zentrum:
Francecso Panese beschäftigt sich mit Wissenschaftlern, die um 1900 übersinnliche Phänomene mit wissenschaftlichen Experimenten zu belegen suchten, obwohl die Objektivität und Beweiskraft der Photographie schon damals nicht unbestritten war. Sie standen dabei in engem Kontakt zum Spiritismus oder wurden selbst Spiritisten. Monika Dommann beschreibt die epistemischen Praktiken von Ärzten, Technikern und Wissenschaftlern, welche die anfängliche Bedeutungsoffenheit von Schattenbildern in wissenschaftliche Evidenz zu transformieren suchten. Wie bei der Photographie war auch bei der Radiographie immer wieder umstritten, ob die einzelnen Bilder naturgetreue Abbildungen oder Artefakte seien.
David Gugerli wirft im abschliessenden Beitrag nochmals grundsätzlich die Frage auf, worin der heuristische Nutzen eines pictorial turn für die Geschichtswissenschaft liegen könnte. Er plädiert für eine integrale Verknüpfung von wissenschafts- und gesellschaftsgeschichtlichen Fragestellungen und diskutiert am Beispiel der Geschichte der medizinischen Visualisierungstechnik im 20. Jahrhundert die Entstehungsbedingungen von wissenschaftlich-technisch gestützter Beweiskraft und kulturell-sanktionierter Evidenz. Eine vergleichende Betrachtung der Fabrikation und der Rezeption von Röntgentechnik und Magnetresonanztomographie (MRI) macht deutlich, dass die Diffusionsgeschwindigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz einer Visualisierungstechnik massgeblich davon abhängt, inwieweit sie an bestehende wissenschaftliche, medizinische, kulturelle und wirtschaftliche Praktiken anzuknüpfen vermag.
Wer nach der Lektüre dieses Heftes Interesse an den theoretischen und methodischen Konsequenzen des pictorial turn gefunden hat, findet in David Gugerlis Aufsatz und in den Buchbesprechungen weiterführende Literatur zum Thema. Die Geschichtswissenschaft beschäftigt sich erst seit kurzem mit den methodischen und theoretischen Problemen einer Quellenkritik von Bildern.(3) Während in der Historiographie die Herstellung und die sozialen Gebrauchsweisen von visuellen Repräsentationen bislang ein unterbelichtetes Feld darstellten, sind in der Wissenschaftsforschung, in der Wissenschaftsgeschichte und in benachbarten Disziplinen bereits einige innovative Untersuchungen entstanden, die sich auch durchaus befruchtend auf die Arbeit von HistorikerInnen auswirken könnten.

Anmerkungen

(1) Zur Einführung in die neuere Wissenschaftsforschung vgl. Ulrike Felt, Helga Nowotny, Klaus Taschwer, Wissenschaftsforschung. Eine Einführung, Frankfurt 1995. Bettina Heintz, Bernhard Nievergelt (Hg.), Wissenschafts- und Technikforschung in der Schweiz. Sondierungen einer neuen Disziplin, Zürich 1998.
(2) Michael Lynch, Steve Woolgar (Hg.), Representation in Scientific Practice, Cambridge 1990. Bruno Latour, «Visualization and Cognition. Thinking with Eyes and Hands», Knowledge and Society. Studies in the Sociology of Culture Past and Present 6 (1986), 1­40. Bruno Latour, «Drawing Things Together», in Lynch, Woolgar, 19­68.
(3) Vgl. Heike Talkenberger, «Historische Erkenntnis durch Bilder. Zur Methodik und Praxis der historischen Bildkunde», in Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1998, 83­98. Andreas Volk (Hg.), Vom Bild zum Text. Die Photographiebetrachtung als Quelle sozialwissenschaftlicher Erkenntnis, Zürich 1996.