Christoph Maria Merki, Hans-Ulrich Schiedt (Hg.)

Strasse und Strassenverkehr – Routes et circulation routière

Traverse 1999/2

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1999
1999. 284 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-17-2

Lieferbar | in den Warenkorb

Zusammenfassung

Strassenverkehrsgeschichte:
endlich etwas ins Rollen bringen

Christoph Maria Merki und Hans-Ulrich Schiedt

«Die Bewegung ist das grosse Ungedachte in unseren Sprachen.»
Peter Sloterdijk(1)

In der Schweiz gibt es heute 1592 km Nationalstrassen, 18'331 km Kantonsstrassen und 63'147 km Gemeindestrassen. Dazu kommen 79'587 km Forst- und Güterstrassen, Fahrrad-, Reit- und Wanderwege. Der Wiederbeschaffungswert all dieser Anlagen beläuft sich auf 203 Mia. Fr. (Stand 1997).(2) Ohne Strassenverkehr geht nichts: er begegnet einem in der Politik, im Alltag, vor dem Haus und als Lärm manchmal auch im Haus; er bestimmt das Gesicht unserer Landschaft und die Qualität unserer Luft. Doch nicht nur die Gegenwart, auch die Vergangenheit des Strassenverkehrs hat Bedeutung und Relevanz. Der Gang aller Kulturen ist aufs engste mit der Geschichte ihrer Verkehrswege verzahnt. Der Gründungsmythos der Schweiz kommt daher auf einem Saumweg und in einer hohlen Gasse. Aus dem Saumweg ist inzwischen eine Autobahn geworden, und mit Moritz Leuenberger bzw. Schiller möchten wir fragen: Wer zählt die 40tönner, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen? Die Historikerinnen und Historiker tun es nicht.
Die Geschichte der Strasse, ihres Verkehrs und ihrer Verkehrsmittel fristet das Dasein eines Blümchens am main stream der Historiographie. Zum 150jährigen Bestehen der Schweizer Bahnen ist ein prächtiger Sammelband erschienen, der sich auch wissenschaftlich durchaus sehen lässt.(3) Das 100jährige Bestehen von ACS (1898) und TCS (1896) hat hingegen, soviel uns bekannt ist, keinen einzigen Historiker zum Gang in die Archive verlockt. Alle kennen Julius Cäsar, den Erfinder der Einbahnstrasse;(4) doch wer kennt den Walliser Ernest Guglielminetti, den Erfinder der Strassenteerung? Dass die schweizerische Historiographie auf dem Gebiete der Strassenverkehrsgeschichte noch in den Kinderschuhen steckt, hat mehrere Gründe. Nach wie vor hat die Wirtschafts- und Technikgeschichte allgemein einen schweren Stand. Überdies ist sie nur allzu oft blind gegenüber den Erträgen der benachbarten Wissenschaften (Ökonomie, Soziologie, Geographie, Volkskunde, Recht), ohne deren Hilfe jede verkehrsgeschichtliche Studie in der Sackgasse steckenbleibt. Es fehlen Institutionen, die das Interesse an der Strassenverkehrsgeschichte bündeln könnten: das Verkehrshaus der Schweiz beschäftigt sich lieber mit Flugzeugen und Dampfschiffen als mit etwas so Alltäglichem wie der Strasse; grosse Firmen, welche ­ wie die DaimlerChrysler AG in Stuttgart ­ die Forschung anschieben könnten, existieren nicht. Ausserdem bestehen gerade bei jüngeren Historikerinnen und Historikern häufig Berührungsängste mit einem Thema wie der Strasse ­ manche scheuen wohl, schöngeistig imprägniert wie sie sind, die Berührung mit diesem Gegenstand; andere haben vermutlich Angst davor, politisch mit den Betonmischern in einen Topf geworfen zu werden. Dabei wäre die Anschlussfähigkeit einer breit verstandenen Strassenverkehrsgeschichte enorm. Nur fünf von zahllosen Herangehensweisen seien hier erwähnt:
­ die wirtschaftsgeschichtliche (die Verbesserung der Infrastruktur als Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum);
­ die literatur- und geistesgeschichtliche (die Erfahrungsberichte Reisender als eigene literarische Gattung, angefangen von den Peripatetikern über Johann Gottfried Seume bis hin zu den road movies der 60er Jahre);
­ die sozial- und alltagsgeschichtliche (die Strasse als Ort der Begegnung, als Spiel-, Erfahrungs- und Austauschraum);
­ die finanzgeschichtliche (die Pass-, Brücken- und Durchfahrtsgelder als Vorläufer des road pricing);
­ die historisch-geographische (die Geschichte der verkehrsweggeprägten Raum- und Siedlungsstrukturen als Voraussetzung für die Arbeit von Denkmalpflege und Raumplanung).
Die Beiträge, die wir in diesem Heft vorstellen, sind Erkundigungen in einem vorläufig noch nahezu unbekannten Gebiet. Als Orientierungshilfe sind die beiden Forschungsberichte gedacht, die den Reigen eröffnen. Wir verzichten dabei auf die Behandlung der antiken und mittelalterlichen Strassenverkehrsgeschichte und setzen mit der Frühen Neuzeit ein. Gleich drei Beiträge befassen sich mit dem 18. und 19. Jahrhundert, d. h. mit jener Zeit, deren Modernisierungspotential in Sachen Strassenverkehr angesichts der alles überstrahlenden «Eisenbahnrevolution» meistens vergessen geht. Mit zwei Beiträgen aus Frankreich und Deutschland (über den frühen Automobilismus) stellen wir den Anschluss an die Diskussion im Ausland her. Wie der Beitrag aus Deutschland gehen auch zwei weitere, zeitgeschichtliche Aufsätze komparatistisch vor. Der Vergleich (auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene) bietet sich bei der Untersuchung raumwirtschaftlicher Entwicklungen nicht nur an, er ist oft die einzige Möglichkeit, die begründete Verallgemeinerungen zulässt. Mit dem letzten Beitrag geben wir einer Nachbarwissenschaft das Wort, von der die Geschichte nur lernen kann. Wir hoffen, dass mit diesem Heft endlich etwas ins Rollen kommt, dass sich auch unsere Disziplin endlich an einer Verkehrsdebatte beteiligt, die bislang fast ausschliesslich von der Ingenieurwissenschaft, von der Geographie, der Ökonomie und der Politologie vorangetrieben wird.

Anmerkungen

(1) Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik, Frankfurt a. M. 1996 (1. Aufl. 1989), 79.
(2) 100 Jahre Schweizerischer Baumeisterverband, Zürich 1997, 22.
(3) Verkehrshaus der Schweiz (Hg.), Kohle, Strom und Schienen. Die Eisenbahn erobert die Schweiz, Zürich 1997.
(4) Im Jahr 45 v. Chr. führte Cäsar in Rom Einbahnstrassen ein, vgl. Maxwell G. Lay, Die Geschichte der Strasse, Frankfurt a. M., New York 1994.