Thomas David, Luc van Dongen, Marietta Meier (Hg.)

Non-lieux de mémoire – Erinnern und Vergessen

Traverse 1999/1

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1999
1999. 199 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-16-5

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Zusammenfassung

Non-lieux de memoire

Thomas David, Luc van Dongen und Marietta Meier
(Übersetzung: Thomas Hildbrand)

Auf der kleinen Insel Altstatt nahe Meggenhorn (LU) wurde am 23. Oktober 1783 ein Säulendenkmal errichtet, das an die «Gründer der helvetischen Freiheit» erinnern sollte. Idee und Gestaltung stammten vom Historiker, Schriftsteller und gewesenen Abt G. T. F. de Raynal (1713­1796), der wegen seinen demokratischen Ideen aus Frankreich verbannt wurde.(1) Das Monument erreichte eine gewisse Bekanntheit, weil Baron Beat F. A. von Zurlauben 1785 in den Tableaux de la Suisse einen Kupferstich (F. D. Née) davon veröffentlichte und der Basler Verleger Ch. von Mechel das Denkmal 1786 mit romantischem Hintergrund darstellte (vgl. das Titelbild auf dem Umschlag). Auch Goethe wollte die Stätte besuchen. Sein Plan scheiterte jedoch, weil der Blitz 1796 den metallischen, von einem Pfeil durchbohrten Apfel getroffen und das Monument zerstört hatte. Die Überreste des Denkmals wurden zerlegt und teilweise für andere Kunstwerke wiederverwendet. Der Platz selber gewann sein früheres Aussehen zurück, und was ein Ort der Erinnerung hätte werden sollen, wurde im buchstäblichen Sinn zum non-lieu de mémoire.(2) ­ Existieren über dieses einleuchtende und vergleichsweise einfache Beispiel hinaus noch weitere Typen solcher non-lieux de mémoire? Diese Frage steht im Zentrum der vorliegenden Nummer von traverse.
Erinnerung und Gedächtnis sind ein aktuelles Thema der Historiographie. Das war nicht immer so. Die Geschichtswissenschaft interessiert sich erst seit kurzem für diese spannende und schwer zu fassende Realität ­ einige Zeit später als die Literatur (Proust, Joyce u. a.), die Philosophie (Bergson, Nietzsche u. a.), die Psychologie (Freud u. a.) oder auch die Soziologie (Halbwachs u. a.). Ohne Zweifel geriet das Thema wegen den Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte stärker ins Blickfeld: die Enttäuschung der 80er und 90er Jahre, die Faszination des kulturellen Erbes, die modischen Retrobewegungen oder auch Identitätskrisen können als Erklärungen angeführt werden. Zudem stellt der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg die moderne Gesellschaft vor schwierige und drängende Probleme (Beurteilung und Verantwortung gegenüber der Vergangenheit, Tod der letzten Überlebenden, Bedeutung der Geschichtswissenschaft für die Erinnerungsarbeit usw.). Zahllos sind die Studien über die Erinnerung an ein Ereignis, über die Erinnerung von sozialen Gruppen, einer Partei oder gar einer Nation. Das Thema der nationalen Erinnerung hatte dank des Konzeptes der lieux de mémoire grossen Erfolg. Dieses Konzept, das der französische Historiker Pierre Nora entwickelt hat, beschränkt sich nicht auf materielle oder physische Repräsentationen, sondern umfasst auch den Diskurs, die mentalen Vorstellungen usw. Mit ihrem nationalen, ja nationalistischen Ausgangspunkt haben die französischen lieux de mémoire auch in anderen Ländern vergleichbare Studien angeregt. Ähnliche Projekte oder auch Überlegungen, die vom französischen Modell ausgingen, entstanden unter anderem in Deutschland, Italien, Grossbritannien und in der Schweiz.(3) Dennoch ist das Thema Geschichte und Gedächtnis noch lange nicht ausgeschöpft, und auch der Ausgangspunkt von Nora scheint uns seine Grenzen zu haben.
Abgesehen von der erwähnten nationalen Ausrichtung zeichnet sich das Konzept der lieux de mémoire erstens durch einen starken Gegenwartsbezug aus, weil es nur die heutigen Orte des Erinnerns betrachtet. Gerade bei der Kategorisierung der Erinnerungsorte selber wird die Geschichtlichkeit ausgeblendet: Ein Ort des Gedächtnisses, der in der Vergangenheit bedeutsam war, der heute aber ­ wie beispielsweise das Monument von Altstatt ­ ohne nachweisbare Spuren zu hinterlassen verschwunden ist, fällt ausser Betracht. Zweitens, und diese Einschränkung ist grundlegender, symbolisieren die lieux de mémoire die offizielle, die dominierende Erinnerung, oder anders gesagt, jene, die den «Sieg» davongetragen hat. In den Worten von Gérard Noiriel: «La question des modes d'imposition de la mémoire collective propre à l'élite aux autres groupes de la société n'est pas abordée par Pierre Nora. Cela s'explique par le fait que son approche s'appuie sur la définition de la nation qu'a élaborée Michelet. La France est considérée comme une Ðpersonneð; les multiples Ðjeð qui définissent les individus dans leur infinie diversité sont d'emblée fondus dans le Ðnousð national.»(4)
Für die Geschichtswissenschaft darf sich Erinnerung nicht auf die Orte des Gedächtnisses einschränken. Erinnern und Vergessen sind untrennbar; sie sind Bestandteil der verschiedenen sozialen und kulturellen Prozesse, die oft miteinander in Konflikt stehen. Daher hat die stetige Rekonstruktion der Erin-nerung einen stark politischen Charakter. Traverse wollte den Umgang mit der Vergangenheit thematisieren und dabei den Schwerpunkt auf die «Blindgänger», die «toten Winkel» und die Widersprüche von Erinnerung legen ­ ohne das Vergessen zu vergessen, dessen Wirkungskraft ebenfalls untersucht werden sollte. Zur Bezeichnung dieses Zugangs haben wir den Begriff der non-lieux de mémoire gewählt, der sich kaum ins Deutsche übertragen lässt.(5) Am Schluss eines Kolloquiums in kleinem Rahmen, das am 20. Juni 1998 in Bern stattgefunden hat und an dem die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren dieser Nummer sowie Andreas Suter teilgenommen haben, haben wir drei sich teilweise überlagernde Typen definiert. Erstens jene Form von non-lieu de mémoire, wo ein Ereignis für einige zum Ort der Erinnerung wird, für andere hingegen nicht. Zweitens der lieu de mémoire interrompu, der ausgesetzte, der gewesene Ort der Erinnerung, dessen Bedeutung als Gedächtnisort nur vorübergehender Natur war. Drittens der contre-lieu de mémoire, wo ein weitgehend unbekanntes Ereignis oder eine schlecht bekannte historische Tatsache von einer sozialen Gruppe, beispielsweise einer kulturellen oder ethnischen Minderheit, zum lieu de mémoire erhoben wird. Diese fragmentarischen Definitionen sind als Hilfskonstruktionen zu verstehen, als Versuch, einen Rahmen für interessante historische Untersuchungen abzustecken. In diesem Sinne vermag das vorliegende Heft denn auch unsere Erwartungen einzulösen: Es bietet kein kohärentes analytisches Konzept oder Modell, zeigt aber verschiedene Ansätze, die aufeinander Bezug nehmen.
Jakob Tanner fragt nach der Bedeutung der Erinnerung in unserer Gesellschaft und in der historischen Praxis. Seine Überlegungen illustriert er am Beispiel des Gotthards beziehungsweise des Reduits ­ ein wichtiger lieu de mémoire für die moderne Schweiz, der erst seit kurzem an Gewicht verloren hat.
Regula Schmid thematisiert die Rolle der eroberten feindlichen Banner und der Chroniken in der mittelalterlichen Gesellschaft. Ausgehend von einem Postulat von Pierre Nora überprüft sie die Verbindungen zwischen oraler Tradition (Gedächtnis, Erinnerung), schriftlicher Wiedergabe (Geschichte) und Vergessen.
Auch drei weitere Autoren behandeln das Vergessen. David Bouvier untersucht die Amnestie ­ die Nichterinnerung im buchstäblichen Sinne ­ in der griechischen Antike. Paradoxerweise, so postuliert er, ist die politische Amnestie eher als Akt des Erinnerungsprozesses denn als vergessendes Verzeihen zu verstehen. Für seine Argumentation nimmt er Bezug auf die alten poetischen Traditionen der Antike. Daniel Osterwalder greift eine Seite des Bürgerkrieges von 1847 in der Schweiz auf, die kaum bekannt ist. Auf der Grundlage der im Bundesarchiv aufbewahrten Verzeichnisse über die Getöteten und Verletzten überprüft er die Höhe der gemeinhin bekannten Zahlenangaben. Aus dieser Perspektive erscheinen die Entschädigungen, die verletzte Soldaten und die Angehörigen der Gefallenen erhielten, gewissermassen als bürokratischer Kult der Erinnerung, der das Gedächtnis an den Bürgerkrieg beachtlich behinderte. Alain Clavien schliesslich befasst sich mit den Gründen, weshalb die antifaschistischen Zeitschriften der Romandie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Vergessenheit gerieten. Neben der dominanten offiziellen Erinnerung an den Krieg und der Tatsache, dass die Geschichte der Arbeiterbewegung dieses Thema bisher sehr diskret behandelt hat, sind namentlich die blinden Flecken der Literaturkritik hervorzuheben.
Zwei Untersuchungen befassen sich mit revolutionären Phasen der National- und Lokalgeschichte. Sie zeigen, dass die helvetischen Eliten versucht haben, den Schleier des Vergessens um jene Ereignisse zu legen, die Brüche in der Gesellschaft und in den Erinnerungen der einzelnen Kantone hätten offenlegen können. Chantal Lafontant geht den politischen Gedenkfeiern in zwei Kantonen nach, die sich ganz unterschiedlich an die Helvetische Republik erinnern. Der Kanton Waadt hat auch im vergangenen Jahr das Ende der bernischen Herrschaft (1798) gefeiert und dabei nach wie vor verschwiegen, dass die Waadt erst 1803 durch die Mediationsakte Napoleons ein eigenständiger Kanton wurde. Der Kanton Aargau dagegen hat 1998 beschlossen, den Beginn des neuen (helvetischen) Regimes zu würdigen, das während zwei Jahrhunderten fast vollkommen ignoriert wurde. Charles Heimberg spricht das Schweigen an, dem die radikale Revolution von 1846 in Genf unterworfen war, und zwar sowohl seitens der Radikalen, die nach und nach zur neuen Elite wurden, als auch seitens der Sozialisten, die zunehmend auch von der bürgerlichen Kultur geprägt wurden.
In ihrem Beitrag über das Vermächtnis des Antifaschismus und des Widerstandes der Nachkriegszeit skizziert Stéfanie Prezioso die paradoxe Situation in Italien. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass die öffentliche Debatte zwar häufig von Themen aus der Zeit des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs geprägt ist, es aber weder der Seite des Widerstands noch jener des Antifaschismus gelungen ist, eigentliche lieux de mémoire zu schaffen.
Corinne Gürcan untersucht den internationalen Frauentag, der seit 1911 in zahlreichen Ländern Europas und in den Vereinigten Staaten Amerikas jährlich gefeiert wird und einen der wenigen lieux de mémoire der Frauengeschichte darstellt. Gleichzeitig ist er aber auch ein non-lieu de mémoire, weil die Geschichte seines Ursprungs einseitig wiedergegeben worden ist.
Mit seiner Photoserie zeigt Franz Horváth an einem Beispiel, wie man in einem Land des ehemaligen Ostblocks mit der Vergangenheit umgeht. Anstatt die alten Symbole der kommunistischen Ära ­ speziell jene lieux de mémoire, die an die glorreiche Befreiung vom Faschismus erinnern ­ verschwinden zu lassen und dem Vergessen anheim zu geben, hat die Stadt Budapest beschlossen, diese zu sammeln und an einem neuen Ort zu einem grossen Park der Statuen zu Ehren der Demokratie zusammenzuführen: ein museales Grab der Vergangenheit oder ein nostalgischer lieu de mémoire?
Alle hier versammelten Beiträge nehmen auf den einen oder anderen oben beschriebenen Typ der non-lieux de mémoire Bezug. Sie positionieren ihre Fragestellung auf einer breiten Skala von Varianten zwischen Erinnerung und Vergessen, sie thematisieren die Politik des Erinnerns, der Amnestie, die Prozesse des Vergessens, Schweigens, Verhüllens, Verengens oder die Verformung und Umformung der Vergangenheit. Nach weiteren Gemeinsamkeiten zu suchen, wäre angesichts der Vielfalt der Themen, Perioden und methodischen Ansätze etwas künstlich und gezwungen. Es bleibt zu hoffen, dass die skizzierten Zugänge ­ so wie die Fragmente beim Beispiel des Monumentes von Altstatt ­ für weitere Studien zum Gedächtnis fruchtbar gemacht werden können.

Anmerkungen

(1) Zuerst hatte de Raynal das Rütli als Standort im Auge, doch fanden die politischen Führer von Uri daran keinen Gefallen. Dieser Ort, gab man ihm zur Antwort, sei für sich allein ein Denkmal, und ein Monument zu Ehren der Freiheit passe, solange man sich frei fühle, nicht hierher.
(2) Vgl. Dario Gamobini et Georg Germann (eds.), Emblêmes de la liberté. L'image de la république dans l'art du XVIe au XXe siècle, Cataloque de l'exposition du Musée d'histoire de Berne et Musée des beaux-arts de Berne (1er juin au 15 septembre 1991), Berne 1991. Wir danken Pierre Chessex für den Hinweis auf diese Geschichte.
(3) Für bibliographische Hinweise vgl. die zahlreichen Literaturangaben in den einzelnen Artikeln und in den Buchbesprechungen zum Thema.
(4) Gérard Noiriel, Qu'est-ce que l'histoire contemporaine?, Paris 1998, 202.
(5) Wortschöpfungen wie «Un-Orte» oder «Nicht-Orte» der Erinnerung decken immer nur einen Teil der im französischen Begriff enthaltenen Bedeutungen ab. «Utopie» weist noch einmal in eine andere Richtung. Die Formulierung «abwesende Orte der Erinnerung» umschreibt das Gemeinte zwar relativ gut, trifft aber die von uns vorgenommenen Typisierungen nur zum Teil. Wir ziehen es daher vor, auch im Deutschen non-lieux de mémoire zu verwenden.