Thomas Busset, Sébastien Guex, Markus Lamprecht (Hg.)

La sociabilité sportive – Sportgeselligkeit

Traverse 1998/3

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1998
1998. 192 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-15-8

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Besprechung

Geisteswissenschaftliche Aufbruchstimmung

Sport als bisher nur spärlich genutzte Fundgrube für Historiker

jam. Der Sport hat sich stets in vielerlei Hinsicht durchsetzen müssen.
Gegen jenes Vorurteil etwa, dass die «schönste Nebensache der Welt» wohl
kaum als hauptberufliche Beschäftigung verstanden werden könne. Und dabei
ist längst bekannt, dass nicht nur im Fussball, sondern auch in anderen
Sportarten lukrative Gehälter gezahlt werden und der Sport für die
jeweiligen Protagonisten zur Hauptbeschäftigung geworden ist. Nicht
wesentlich anders verhält es sich mit der Akzeptanz von Sport in der
Wissenschaft. In der Schweiz war der Sport an den Hochschulen bisher vor
allem als Teil der nichtakademischen Turn- und Sportlehrerausbildung
angesiedelt - zumindest an der ETH Zürich zeichnet sich seit der Lancierung
eines bewegungswissenschaftlichen Studiengangs eine Besserung ab. Aber auch
in der schweizerischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wird der Sport
noch immer stiefmütterlich behandelt.
Ein bedauernswerter Umstand, dem die vor einigen Jahren von universitären
Kreisen ins Leben gerufene Zeitschrift für Geschichte «traverse» nun
insofern Rechnung getragen hat, als sie in ihrer jüngsten Ausgabe der
Sportgeschichte ihr Schwerpunkt-Dossier widmet. Um sich dennoch nicht in
einer allzu heterogenen Themenvielfalt zu verlieren, hat die Redaktion
entschieden, die Geselligkeit im Sport als zentrale Fragestellung
aufzunehmen. Einer solchen Fragestellung ist denn auch durchaus Bedeutung
zuzumessen; vor allem wenn man weiss, dass die Schweiz im internationalen
Vergleich mit zu jenen Ländern zählt, welche die grösste Dichte an
Sportvereinen - im nationalen Olympischen Verband sind 27 000 Vereine
organisiert - aufweisen.

Von der Leibeserziehung zum Sport

In seinem Artikel «Leibeserziehung und Sport im Rahmen des Vereinswesens in
der Schweiz» setzt sich der Lausanner Geschichtsprofessor Hans Ulrich Jost
mit dem Übergang von Leibeserziehung zu Sport auseinander. «Der damals
erfolgte Übergang von der Leibeserziehung zum Sport fällt zusammen mit dem
tiefgreifenden sozialen Wandel im Rahmen der Ausbildung der
fortgeschrittenen Industriegesellschaften, der Ausbreitung der
kapitalistischen Marktwirtschaft und der Formierung der Massengesellschaft
des 20. Jahrhunderts», schreibt Jost. Im weiteren ist zu erfahren, dass die
organisierte Form des Turnens in der Schweiz erst im zweiten Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts ihren Lauf nahm. So wurde etwa der Berner Schuljugend
erstmals 1813 ein systematischer Turnunterricht erteilt. Bis in die
sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts war das «sportliche» Vereinswesen
vollkommen vom Turnen dominiert; als erstes organisierte sich die
akademische Jugend, so etwa 1816 in Bern in der Akademischen Turnerschaft
Rhenania oder 1820 im Zürcher Studententurnverein. Leibeserziehung und
politischer Liberalismus hätten in der Schweiz gemeinsam den Weg durch die
Regeneration hin zum Bundesstaat von 1848 gemacht, schreibt Jost, der die
Turnvereine zu den Basisbewegungen des Bundesstaates zählt.
Erst ab 1860 setzte im Vereinswesen eine eigentliche Differenzierung
hinsichtlich verschiedener Sportarten ein - ein Trend, der um die
Jahrhundertwende einen ersten Höhepunkt fand. Jost zeigt weiter auf, dass
sich nicht nur immer neue Sportarten zu Vereinen und Verbänden
zusammenschlossen, sondern dass es auch zu einer sozialen Gliederung der
Sportarten kam. «In der Freizeitkultur des Vereinswesens reproduzierten sich
die sozialen Unterschiede der Gesellschaft», führt Jost aus und nennt als
Bestandteil der Oberschicht u. a. die Ruder-, Segel- und Reitvereine.

Die Anfänge des Frauenleistungssports

Die Historikerin Susanna Schmugge setzt sich im weiteren mit den Anfängen
des Frauenleistungssports in der Schweiz auseinander. Schmugge interessiert
sich hierbei vor allem für die Fragestellung, wie die Gesellschaft
(Sportpresse, Dachverbände usw.) auf das Verhalten sportlich ambitionierter
Frauen reagierte. «Frauen, die Sport oder gar Leistungssport betrieben,
beanspruchten durch ihr Verhalten stark männlich konnotierte Eigenschaften
und brachten dadurch eine Weltsicht ins Wanken, die davon ausging, dass es
eine unverrückbare, biologisch determinierte Trennlinie zwischen den
Geschlechtern gibt, die auch gesellschaftliche Aufgaben festlegt», schreibt
Schmugge, deren Beitrag sich auf die Zeit zwischen den zwanziger- und den
vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts bezieht. Interessant erscheint der
Umstand, dass laut offizieller Legitimation Frau und Mann nicht aus
denselben Motiven Körperertüchtigung zu betreiben hatten. Männer turnten, um
dadurch besser fürs Erwerbsleben und die Landesverteidigung gerüstet zu
sein, Frauen der gesunden Nachkommenschaft wegen. Erst nach dem Zweiten
Weltkrieg wurde dann der Frauenleistungssport offiziell anerkannt und auch
allmählich mitfinanziert. - Die jüngste «traverse»-Nummer zum Thema
«Sportgeselligkeit» offenbart, dass sich auch in der Schweiz zunehmend
Geisteswissenschafter mit der Thematik «Sport» auseinanderzusetzen beginnen.
Herausgekommen ist dabei eine breite Palette von sozialgeschichtlichen
Aufsätzen - zur Nachahmung, an Themen fehlt es nicht, unbedingt empfohlen.

Thomas Busset, Sébastien Guex, Markus Lamprecht (Hrsg.): Sportgeselligkeit.
«traverse» - Zeitschrift für Geschichte, 1998/3. Chronos-Verlag, Zürich
1998. - Fr. 25.-.

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ.
Neue Zürcher Zeitung ALPINISMUS 12.10.2000 Nr. 238 80