Thomas David, Bouda Etemad, Claude Lützelschwab, Michela Trisconi (Hg.)

Suisse - Tiers Monde – Schweiz – Dritte Welt

Des réseaux d'expansion aux formes de domination - Von der Expansion zur Dominanz

Traverse 1998/2

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1998
1998. 208 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-14-1

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Zusammenfassung

Gibt es einen schweizerischen Imperialismus?

Thomas David und Bouda Etemad
(Übersetzung: Beatrice Schumacher)

Dies ist nicht wirklich eine Einleitung, die sich direkt einfügen würde in die Beiträge des vorliegenden Schwerpunktes zur Geschichte der Beziehungen der Schweiz mit Übersee, ­ sie ist auch kein Manifest, welches das Kredo der beiden Autoren zum Ausdruck bringen würde. Der folgende Text will vielmehr eine Reflexion über ein historiographisches Problem sein ­ das eines schweizerischen Imperialismus. Die Frage wird natürlich in den hier versammelten Beiträgen aufgenommen, ­ in unterschiedlichem Ausmass, mehr oder minder insistierend. Doch bleibt die Fragestellung, so scheint uns, zu disparat und zu wenig konkretisiert. Ehe sie uns also ganz entwischt, wagen wir hier den Versuch, den Stier bei den Hörnern zu packen. Das heisst natürlich noch lange nicht, dass wir die Aufgabe mit vollem Erfolg bewältigt haben, ­ den Versuch war es allemal wert.
Zwei Generationen Forschender, zumeist Historiker, haben versucht, folgende Fragen zu beantworten: Gibt es einen schweizerischen Imperialismus? Falls ja, in welcher Art, und seit wann tritt er in Erscheinung? Die in der Folge stattgehabte Diskussion über die Existenz eines schweizerischen Imperialismus ­ basierend auf einer begrenzten Zahl von Untersuchungen mit unterschiedlichen Zugängen ­ hat gezeigt, dass es auf diese Fragen keine kategorischen Antworten gibt.(1)
Wir gehen auf den Stand dieser Debatte ein, beschränken uns dabei jedoch auf die Beziehungen der Schweiz mit dem aussereuropäischen Süden.(2) Wir möchten indes über eine simple Bestandsaufnahme hinausgehen. Unser Ziel ist es zu umreissen, was schweizerischer Imperialismus bedeuten könnte, und zwar mit Hilfe eines summarischen Typologisierungsversuchs. Vergleichende Forschung wird möglicherweise den helvetischen Fall in neuem Licht erscheinen lassen.
Um vergleichen zu können, braucht es zunächst eine Verständigung über die Terminologie. Der Begriff Imperialismus lässt sich jedoch nicht leicht definieren. Imperialismus erschien als Wort bekanntlich Mitte des 19. Jahrhunderts zur Bezeichnung ungleicher Beziehungen zwischen Reichen und Mächtigen einerseits, Armen und Schwachen andererseits. Präziser gesagt war es die Revolution der Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten (Eisenbahn, Dampfschiff, Telegraph), die Ausdehnung des Handels, die beschleunigte Mobilität von Menschen und Kapital, welche seit den 1870er Jahren die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft weltweit tiefgehend transformierten. Seit diesem Zeitpunkt verschärften sich die Diskrepanzen in der Entwicklung, das heisst konkret die Ungleichheiten des Pro-Kopf-Einkommens, zwischen den verschiedenen Regionen drastisch. Vor dem Jahrzehnt 1870/1880 waren die Entwicklungsunterschiede zwischen den Ländern, die heute zur sogenannten Dritten Welt zählen, und den industrialisierten Ländern, verglichen mit den späteren Zahlen, bemerkenswert gering. Wenn man weiss, dass die Industrialisierung bis in die 1860er Jahre relativ langsam verlief und auf eine sehr begrenzte Zahl westlicher Länder beschränkt blieb, überraschen die schwachen Unterschiede vor 1880 kaum.
Die enorme Ausweitung der internationalen Beziehungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erzeugte Ungleichheit: indem auf verschiedensten Ebenen sich bereichernde Bevölkerungen mit verarmenden in Kontakt gebracht wurden, starke mit schwachen Staaten, grosse mit kleinen Mächten. Um diese Art strukturell ungleicher Beziehungen zu fassen, hat sich der Begriff Imperialismus durchgesetzt. Es ist ein praktischer, aber auch sehr vager Begriff, denn er weist den Mangel auf, höchst unterschiedliche Realitäten zu überdecken. Seine Bedeutung kann je nach Situation und Zeitpunkt stark abweichen. Es gilt heute als unbestrittene Tatsache, dass es nicht einen Imperialismus gibt, sondern Spielarten von Imperialismus, deren Spezifität herausgearbeitet werden muss. Festzuhalten ist jedenfalls, dass sich Imperialismus von blossem Expansionismus in dem Sinne unterscheidet, dass er bestimmte Formen von Kontrolle und Herrschaft voraussetzt.
Inwiefern betrifft dies alles die Schweiz? Sie ist kein starker Staat, noch eine Grossmacht. Sie verfügt nicht über die militärischen Mittel, einem anderen Staat ihre «Superiorität» aufzuzwingen. Auch hat sie keinen Zugang zum Meer, um unter jenen kleinen europäischen Ländern (Portugal, Niederlande, Belgien) zu figurieren, welche über Kolonien in Asien, Afrika oder der Karibik «verfügen». Ist man jedoch der Meinung, dass es auch Imperialismus ohne koloniale Stützpunkte gibt, so hat die Schweiz sehr wohl einen wesentlichen «Trumpf» in der Hand: Sie verfügt über «relativen Reichtum, das heisst die wirtschaftliche und finanzielle Möglichkeit, anderen ihre eigenen Interessen aufzuzwingen».(3)
Denn es scheint, dass ohne ökonomische Mittel keine tatsächlich imperialistische Politik möglich ist, obwohl es Herrschaftsambitionen aus anderen Gründen gibt (Nationalismus, strategische und diplomatische Interessen, Prestigebedürfnisse, Machtgelüste). Selbst wenn, wie wir weiter unten zeigen werden, die Neutralitätspolitik und die humanitäre Diplomatie als andere «Trümpfe» der Schweiz bezeichnet werden können, bleibt die Frage, ob sie ihren wirtschaftlichen Vorsprung mit dem Ziel der Herrschaftsausübung eingesetzt hat. Und falls ja, seit wann. Muss man die eventuellen imperialistischen Absichten der Eidgenossenschaft ­ oder genauer der schweizerischen Kantone ­ bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen?

Die «Internationale huguenote»

In der Tat werden die Beziehungen zwischen der Schweiz und aussereuropäischen Ländern erst seit dem 18. Jahrhundert «signifikant». Zuvor hatten sie einen nur episodischen Charakter. Der Widerruf des Ediktes von Nantes, 1685, hatte zahlreiche hugenottische Kaufleute in die Schweiz vertrieben, von wo aus sie in der Folge ihre Geschäfte betrieben. Dank den Verbindungen, welche sie mit holländischen, englischen und französischen Handelskreisen unterhielten, sollten diese Kaufleute im Aufstieg des internationalen Grosshandels einen bedeutenden Platz einnehmen. Diese «Internationale huguenote», um einen Ausdruck Herbert Lüthys zu verwenden, interessierte sich für alle möglichen Geschäfte, wenngleich sie ihr Standbein insbesondere in zwei, eng ineinander verflochtenen, Tätigkeitsbereichen hatte: Banken und Grosshandel.(4) Es waren vor allem die Genfer Financiers, aber auch die Neuenburger, Basler und Zürcher, welche ihr Kapital in Handelsunternehmungen, in der Aufrüstung und im Fernhandel plazierten, und zwar in höchst unterschiedlicher Art und Weise (vgl. den Beitrag von Hugues Scheurer).
Die «Internationale huguenote», deren Epizentren Genf und Paris waren, besass eine weltweite Ausstrahlung. Der Handel mit den beiden Indien war der lukrativste und derjenige, der die grössten Kapitalsummen mobilisierte. Es erstaunt daher wenig, im Handel mit den Antillen tätige schweizerische Kaufleute zu finden, welche mehrheitlich Plantagen besassen und bewirtschafteten. Einige dieser Handelshäuser beteiligten sich auch am Sklavenhandel. Die helvetischen Händler waren auch im Handel mit Indien und China gut vertreten. So besassen sie Kapitalanteile in den verschiedenen Kompagnien, englischen, dänischen oder holländischen, welche diese Gebiete kontrollierten. In Frankreich waren es die Pariser und Genfer Geschäftskreise, welche nach der Aufhebung des Privilegs der Compagnie des Indes (1791) die Finanzspiele kontrollieren, in denen Interessen der Banken, des Baumwollhandels und des Luxushandels ineinandergreifen.
Zu Ende des 18. Jahrhunderts war es jedoch vorbei mit dem «Goldenen Zeitalter». Die Genfer Financiers wurden in den ersten Revolutionsjahren in das französische Finanzdebakel mit hineingezogen.

1820­1914: Handelsexpansion und Entstehung des schweizerischen Finanzplatzes

Die napoleonische Ära und die Ausbreitung der industriellen Revolution auf dem Kontinent bedeuteten einen ersten Bruch. Sie sollten das Erscheinungsbild der schweizerischen Expansion verändern. Deren Merkmal, die Verbindung Bank­Handel löste sich allmählich auf.
Nach dem Wiener Kongress gingen die meisten europäischen Staaten zu einer protektionistischen Politik über, um sich gegen ausländische ­ vor allem gegen die britische ­ Konkurrenz zu schützen. Die grossen Märkte der Alten Welt schlossen sich einer nach dem andern für schweizerische Produkte. Gezwungenermassen richteten die schweizerischen Händler ihren Blick auf aussereuropäische Länder. Mit Erfolg: Um 1845 gingen zwischen 40 und 50 Prozent der schweizerischen Exporte nach Nord- und Südamerika. Der asiatische Markt, der Mittlere Osten inbegriffen, nahm 15­20 Prozent ab. In dieser Hinsicht scheint es, dass die Intensität der Beziehungen zwischen der Schweiz und den beiden Amerika grösstenteils eine Folge der atlantischen Migration war.
In der Folge nahm der Anteil aussereuropäischer Länder unter den Exportabnehmern ab, ohne dass man weiss, ob diese Entwicklung tatsächlich mit  vermehrten Exporten innerhalb Europas einherging, oder ob sie nicht vielmehr den Effekt des wachsenden ausländischen Zwischenhandels verbarg. Betont werden muss, dass diese weite Öffnung gegen aussereuropäische Märkte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einherging mit entscheidenden Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs im eigenen Land: Die Schweiz ist vielleicht das einzige Land der «entwickelten Welt», welche seine industrielle Revolution erfolgreich verwirklicht hat, indem es sich auf ferne Absatzmärkte stützte.
Eine weitere Konsequenz, die sich aus dem Überseehandel ergab, war eine «Demokratisierung des Fernhandels».(5) Die Entstehung kleiner und mittlerer Unternehmungen im internationalen Handel veränderte die Form der schweizerischen Expansion. Auf den im direkten Verkauf engagierten Fabrikanten-Reisenden folgten im 19. Jahrhundert Kommissionshändler, welche als Mittelsmänner zwischen schweizerischen Industriellen und der Kundschaft in Übersee fungierten.
Zur selben Zeit erlebte das Bankensystem in der Schweiz bedeutende Veränderungen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden unter der Regie einer liberalen, paternalistischen Elite die Sparkassen. Nach der Entstehung des schweizerischen Bundesstaates und parallel zum Eisenbahnbau stiegen die Kreditinstitute vom Typ der modernen Bodenkreditbank auf.(6) Doch die schweizerischen Kapitalien flossen während dieser sich bis gegen 1870 hinziehenden Periode höchstens vorübergehend nach Übersee (Claude Lützelschwab analysiert in seinem Beitrag eines dieser seltenen Beispiele).
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erschienen in der Schweiz neue, auf Unternehmensfinanzierung spezialisierte Gesellschaften. Diese Finanzgesellschaften, oft von grossen schweizerischen und ausländischen Banken gegründet, sollten eine nicht unwesentliche Rolle in den imperialistischen Auseinandersetzungen spielen, welche Europa bis zum Ersten Weltkrieg zerrissen. Im Rahmen dieser Gesellschaften blieben die schweizerischen Kapitalien jedoch an ausländische Interessen gebunden oder diesen gar unterstellt. Nur in Ausnahmefällen dienten sie den Interessen der schweizerischen Exportindustrie. Bestens bekannt ist etwa das Beispiel der schweizerischen Unternehmen, welche sich um 1900 am Ausbau der städtischen Infrastruktur (Strassenbahn, Elektrizität) Südamerikas beteiligen. Solche Unternehmen wurden durch Schweizer Banken finanziert und vor allem durch die Maschinenindustrie unterstützt. Dennoch, der Begriff Imperialismus scheint auf die schweizerische Übersee-Expansion des 19. Jahrhunderts nicht anwendbar.
Die Begriffe, welche Historikerinnen und Historiker kreiert haben (sekundärer Imperialismus, heimliche Herrschaft, versteckter Kolonialismus, gedämpfter Kolonialismus) drücken eher den wirtschaftlichen Vormarsch der Schweiz in Übersee aus. Wir sind versucht, hier Behrendt recht zu geben, der als erster Autor Anfang der 30er Jahre die Frage nach einem schweizerischen Imperialismus gestellt hat.(7) Ihm zufolge fällt die Schweiz ­ trotz ihres hohen Industrialisierungsniveaus und ihres raschen wirtschaftlichen Wachstums ­ bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf durch einen schwachen Staatsapparat und eine fehlende Aussenpolitik. Daraus resultiert ein Unvermögen, sich jene Druckmittel zu verschaffen, mittels derer die sozioökonomischen Strukturen überseeischer Gebiete hätten beeinflusst werden können. Ausserdem sei es den Schweizern gelungen, ebenfalls nach Behrendt, in die imperialistischen Fussstapfen der anderen zu treten. Anders gesagt, sich im Schatten der Grossmächte einen Platz unter der Tropensonne zu verschaffen. Man müsste also eher von wirtschaftlichem Opportunismus oder von wenig profiliertem ökonomischem Expansionismus sprechen als von Imperialismus.

Nach 1914: Die Entstehung eines schweizerischen Imperialismus

Der Erste Weltkrieg markiert in dieser Hinsicht eine sehr wichtige Etappe. Einerseits befreite sich der schweizerische Finanzplatz von der Bevormundung durch das französische Finanzgeschäft. Andererseits erlaubte es das Scheitern der Mittelmächte den schweizerischen Financiers in gewissen Bereichen von Deutschland unabhängig zu werden: das war der Fall im Versicherungswesen, wo die Schweizer den inländischen Markt eroberten und in den ihrer deutschen Nachbarn eindrangen. Desgleichen wechselten einige Finanzgesellschaften, die bis anhin unter der Kontrolle von Deutschen standen, in schweizerische Hände. Die Schweiz gelangte in den Status eines internationalen Finanzplatzes.
Diese Entwicklung sollte ihre Rückwirkungen auf die Beziehungen der Schweiz zu aussereuropäischen Ländern haben. Nun spielten die finanziellen Interessen eine wichtige Rolle in der Definition der Politik gegenüber der Dritten Welt. Weiter zeichnete sich in mehreren Exportindustrien, vermittelt durch das Bindeglied der Finanzgesellschaften, eine engere Zusammenarbeit zwischen Banken und schweizerischen Industrieunternehmen ab. Diese Strategie erlaubte es beispielsweise der elektromechanischen Industrie, bereits eroberte Nischen ­ insbesondere in Lateinamerika ­ zu konsolidieren. Diese Allianz begründete jedoch keinen monolithischen Block. Interessendifferenzen zwischen Banken und Industrie tauchten gelegentlich im Rahmen der Beziehung zwischen der Schweiz und aussereuropäischen Staaten auf. Diese Widersprüche dürfen aber nicht über die Existenz eines starken Finanzkapitals ­ oder zumindest «eines erhöhten Grades an Übereinstimmung zwischen den Interessen von Banken und Industrie»(8) ­ hinwegtäuschen. Dessen Expansionspolitik mündete mit Beginn des Ersten Weltkrieg in einen eigentlichen schweizerischen Imperialismus.
Aus einem Land kommend, das von seiner Grösse her ein politischer Zwerg auf dem internationalen Parkett ist, suchten die schweizerischen Geschäftskreise die Zusammenarbeit mit den Grossmächten, indem sie den Internationalismus des Kapitals priesen. Im Lateinamerika der Zwischenkriegszeit vermochten die Investoren aus der Schweiz die Probleme, welche aus der chaotischen Konjunktur der 20er und 30er Jahre entstanden, nicht allein zu lösen. Was die helvetischen Financiers vor allem beschäftigte, war die Frage der Gewinnrückführung, welche von jenen lateinamerikanischen Staaten blockiert wurde, die dem Freihandel den Rücken gekehrt hatten. In Argentinien (Vertrag von 1934) und in Chile (Vertrag von 1948) beispielsweise erreichten sie die Wahrung ihrer Interessen nur, indem sie sich vor Ort mit britischen und amerikanischen Gläubigern, jeweils unterstützt von ihren mächtigen Staaten, verbanden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg scheint die wirtschaftliche Expansion der Schweiz in Übersee andere Formen angenommen zu haben. In einer ersten Phase wurden die Handelsbeziehungen wieder aufgenommen. In dieser Beziehung stellten die Märkte der Dritten Welt für die Schweiz eine wichtige Absatzmöglichkeit dar. Seit den 50er Jahren überflügelte das schweizerische Exportvolumen pro Einwohner in die Dritte Welt dasjenige aller industrialisierten Länder, ­ selbst der ehemaligen Kolonialmächte.
In einer zweiten Phase exportierte die Schweiz auch Kapital in die Dritte Welt. Schweizerische Unternehmen waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu übergegangen, zahlreiche Direktinvestitionen im Ausland (die dominante Form ihres Kapitalexports) zu tätigen; sie bevorzugten jedoch entwickelte Länder. Jedenfalls macht es den Anschein, dass die schweizerischen Multis erst in den 50er und 60er Jahren begannen, Produktionseinheiten in Ländern der Dritten Welt aufzubauen. Die grossen Firmen nahmen damit eine Bewegung auf, die in der Zwischenkriegszeit in Brasilien und Mexiko begonnen hatte. Sie wurde zuerst im Lebensmittelsektor angewendet ­ um dem wachsenden Protektionismus zu begegnen ­ und dann in den 40er und 50er Jahren auch in der chemischen und pharmazeutischen Industrie.
Gleichzeitig veränderte sich die Natur und der Typ der Emigration aus der Schweiz. Die Plazierung von Kapitalien ging in der Tat oft einher mit dem Export von Menschen. So wanderten im 18. Jahrhundert Schweizer Kaufleute in europäische und nichteuropäische Hafenstädte aus. Im Jahrhundert darauf tauchte ein neues Migrationsphänomen auf: die Massenemigration ­ grösstenteils ländliche Bevölkerung ­ die aus der Armut und den wirtschaftlichen Veränderungen der Schweiz im 19. Jahrhundert resultierte. Es wurden schweizerische Kolonien gegründet wie etwa Nova Friburgo in Brasilien. Die 1890er Jahre läuteten das Ende der Massenemigration ein, die bisher positive Migrationsbilanz kehrte sich fortan in ihr Gegenteil. Seit diesem Zeitpunkt, verstärkt dann nach dem Zweiten Weltkrieg, erschien ein neuer Typus des Emigranten, der Ingenieur oder Manager, der mit dem Handelsmann und Vertreter des vergangenen Jahrhunderts nichts mehr zu tun hatte (vgl. die Beiträge von Stefan Karlen und Hans Werner Tobler sowie von Nadia Lamamra). Ab den 1950er Jahren tauchte dann ­ im Rahmen der Entstehung dessen, woraus die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit hervorgehen sollte ­ der in Drittweltländer entsandte Experte in Sachen technischer und ökonomischer Unterstützung auf.

Neutralitätspolitik und humanitäre Diplomatie

In diesem Zusammenhang scheint es angebracht, die allmähliche Interessenkonvergenz von Ökonomie und humanitärem Engagement zu betonen, die sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte. Bevor wir uns im folgenden an den Versuch wagen, den schweizerischen Imperialismus mit anderen Fallbeispielen zu vergleichen, wollen wir noch einen kurzen Blick auf die Überschneidungen werfen, die sich einstellten zwischen Wirtschaftsverlauf und den Wegen, welche die humanitäre Diplomatie der Eidgenossenschaft einschlug. Dies ist ein Forschungsthema, das leider von Historikern bislang sehr vernachlässigt worden ist.
Unter den Verbindungen zwischen ökonomischer und humanitärer Dimension muss an erster Stelle die Missionstätigkeit ­ und ihre Anstrengungen, Nichtchristen zu Christentum und Humanismus zu bekehren ­ genannt werden. Auch die Schweiz partizipierte an diesem Eindringen, das Andrew Porter als «imperial mission» bezeichnet.(9) Hinter einem gewissen Konkurrenzgeist zwischen Protestanten und Katholiken ging es für die Missionsgesellschaften hier durchaus darum, sich Handelsvorteile und Zugang zum Geschäft von Handel und Banken zu verschaffen. Dabei entstand aber die paradoxe Situation, dass die Missionsgesellschaften gelegentlich weniger als Vehikel eines schweizerischen Imperialismus funktionierten, sondern als Instrument der jeweiligen Kolonialmacht im Rahmen von deren Politik der «Pazifierung oder Erziehung» (vgl. dazu den Beitrag von Paul Jenkins über die Tätigkeit der Basler Mission in Indien sowie den Beitrag von Michela Trisconi zur katholischen «Missionspolitik»).
Auch die Gründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) zeichneten sich aus durch die Tendenz, Philanthropie und Kolonialismus in Einklang bringen zu wollen (vgl. den Beitrag von Albert Wirz). Für eine Untersuchung der Beziehungen zwischen humanitären Aktivitäten, Neutralitätspolitik und wirtschaftlichen Interessen der Schweiz ist das Rote Kreuz zweifellos ein privilegiertes Forschungsfeld. In der Tat fanden Gründung und Weiterentwicklung des IKRK in engem und permanentem Kontakt mit der Eidgenossenschaft statt. Seit 1864 organisierte die Schweiz ­ als Wahrerin der Genfer Konvention und ihrer Zusatzprotokolle ­ die Konferenzen zur Ausarbeitung der internationalen Menschenrechte, so dass die Neutralität des IKRK zunehmend mit jener der Eidgenossenschaft verwechselt wurde.
Wenn diese Nähe auch beiden Seiten von Nutzen war, scheint doch in erster Linie die Schweiz profitiert zu haben. Für sie fielen aus den humanitären Bestrebungen immaterielle Zinsen ab: moralisches Prestige und internationale Reputation. Man kann sich jetzt natürlich fragen, in welchem Mass dieses «symbolische Kapital» ­ um den Ausdruck von Albert Wirz aufzunehmen ­ der Schweiz neue Märkte in überseeischen Ländern eröffnet hat und ihr so dazu diente, ihr ökonomisches Kapital fruchtbar zu machen.(10) Die Unterstützung des IKRK beschränkte sich jedoch nicht auf die symbolische Dimension. Ohne die Kader zu zählen, welche durch diese Institution ausgebildet wurden und welche sich später wiederfinden in Wirtschaftskreisen oder in der Administration des Bundes, fällt das Auftragsvolumen des Roten Kreuzes von rund 280 Millionen Franken ins Gewicht. Und nicht zuletzt: Was ist aus der Präsenz von IKRK-Mitgliedern im Verwaltungsrat grosser schweizerischer Unternehmen zu schliessen?(11)
Über der gegenseitigen Abhängigkeit von humanitärem und wirtschaftlichem Bereich dürfen jedoch die Interessenkonflikte, die sich aus den beiden Aktivitätspolen ergeben, nicht aus dem Blick geraten. Solche Differenzen ergeben sich gelegentlich im Rahmen der Entwicklungshilfe des Bundes. Tatsächlich konvergieren die Ziele der heutigen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) nicht immer mit privaten Wirtschaftsinteressen; in solchen Fällen tendiert der Bundesrat häufig dazu, zugunsten letzterer zu entscheiden (vgl. das Interview mit Jean-François Giovannini).
Die Schweiz scheint also hinsichtlich ihrer Beziehungen zu aussereuropäischen Ländern über nicht zu unterschätzende «Trümpfe» zu verfügen: den relativen Reichtum, das Prestige der Neutralität ­ deren veränderliche Gestalt tut keinen Abbruch ­ und das Image der Humanität. Der Versuch, das Problem des schweizerischen Imperialismus in seiner Mehrdeutigkeit aufzuzeigen, darf sicher als wichtigstes Ziel des vorliegenden thematischen Schwerpunktes bezeichnet werden.

Typologische Skizze und Versuch eines Vergleichs

Mit welchen Herrschaftsformen (formellen und/oder informellen) kann der schweizerischen Imperialismus verglichen werden? Sicherlich nicht mit dem «Imperialismus der Armen» Portugals, Italiens oder des zaristischen Russland, allesamt Länder, deren wirtschaftliche Entwicklung nicht das Niveau hatte, um in ihren Kolonien oder Einflussgebieten eine reale Herrschaft auszuüben. Ebenso nicht mit dem französischen Imperialismus, der auf einem Kolonialreich basierte, das bereits vor 1914 zum bevorzugten Ort der Financiers aus dem Mutterland wurde, ­ allerdings dank Zollschutz in «geschlossenem Zirkel».
Der schweizerische Imperialismus gleicht eher dem «fortgeschritteneren» Imperialismus Grossbritanniens oder der Vereinigten Staaten, welche beide dieselben Herrschaftstechniken verwenden. Die erste dieser Techniken besteht im Gebrauch der Waffe des «relativen Reichtums»: Mit Unterstützung des Staates profitieren die Privatunternehmen von ihrem technologischen und organisatorischen Vorsprung, um die Reichtümer überseeischer Regionen auszubeuten. Falls nötig bilden sie Monopole oder Kartelle, um einen Internationalismus des Kapitals auszubilden. Die zweite Herrschaftstechnik beruht auf der Macht des Finanzmarktes. Dies ist ein entscheidendes Merkmal des angelsächsischen und des schweizerischen Imperialismus. Man muss auch darauf hinweisen, dass Grossbritannien, die USA und die Schweiz aufgrund ihres Industrialisierungsgrades und ihres Pro-Kopf-Einkommens zu den «hochkapitalistischen» Nationen gehören. Die drei Länder haben noch eine weitere gemeinsame Eigenschaft: das Festhalten am fair trade und am Prinzip der «offenen Tür» im Namen des Wirtschaftsliberalismus, sei es auf nahen oder fernen Märkten.
Der Vergleich mit dem deutschen Imperialismus ist heikler. Einerseits fand sich hier wohl jene typische Allianz von Finanzkapital und deutschen Industriellen, mit Hilfe derer Absatzmärkte in Lateinamerika, Asien und Afrika eröffnet und Druck auf die lokalen Machthaber ausgeübt wurde, um ihnen die Befehlsgewalt zu entreissen. Andererseits unterschied sich der nationalistische Charakter des deutschen Kolonialismus ­ gedacht zur Überwindung politischer und gesellschaftlicher Krisen im Innern ­ vom Fall der Schweiz.
Wagen wir eine letzte Parallele: Mit Belgien, einem Land, das von seiner Grösse her wie die Schweiz zur Gruppe der kleinen europäischen Länder gezählt werden kann, deren industrieller Aufschwung früh einsetzte, deren Wirtschaft sich weitgehend auf ausländische Märkte orientierte und deren Lebensstandard vergleichsweise hoch war. Der belgische koloniale Imperialismus im Kongo setzte auf ein Spiel, dessen Regeln der Schweiz bekannt waren. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und vor allem seit den 1920er Jahren wurde die Ausbeutung von Ressourcen im Kongo, insbesondere der Minen, durch grosse Finanz- und Industriekonsortien sichergestellt, welche von Brüssel unterstützt wurden. Es ist dieser wohlbekannte Kontext, in dem sich die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg als unverzichtbare finanzielle Partnerin Belgiens sowie seiner Kolonie etablierte. Den schweizerischen Bankkreisen gelang es auf diesem Weg, sich im Herzen des belgischen Kolonialsystems festzusetzen.(12) Dieses letzte Beispiel ist unseres Erachtens Ausdruck eines schweizerischen Imperialismus auf dem Weg zur Reife.

Anmerkungen

(1) Vgl. Thomas David, Bouta Etemad, «L'expansion économique de la Suisse en outre-mer (XIXe­XX siècles): un état de la question», Revue Suisse d'Histoire 46 (1996), 226­231.
(2) Die Versuche schweizerischer Kaufleute und Bankiers zur wirtschaftlichen und politischen Machtausübung in Europa berücksichtigen wir in unserer Untersuchung bewusst nicht. Zu einem solchen Versuch vgl. Lorenzo Zichichi, Il colonialisme felpato. Gli svizzeri alla conquista del Regno delle due Sicilie (1800­1848), Palermo 1988.
(3) René Girault, «Les impérialismes de la première moitié du XXe siècle», Relations internationales 7 (1976), 196. Das Zitat wird hier in deutscher Übersetzung wiedergegeben.
(4) Herbert Lüthy, La Banque Protestante en France de la Révocation de l'Edit de Nantes à la Révolution, 2 Bde., Paris 1959­1961.
(5) Béatrice Veyrassat, Réseaux d'affaires internationaux, émigrations et exportations en Amérique latine au XIXe siècle: le commerce suisse aux Amériques, Genf 1993.
(6) Hans Ulrich Jost, «Banques et culture politique. Histoire d'une inféodation», Page 2 11 (1997), 24.
(7) Richard Behrendt, Die Schweiz und der Imperialismus. Die Volkswirtschaft des hochkapitalistischen Kleinstaates im Zeitalter des politischen und ökonomischen Nationalismus, Leipzig 1932.
(8) Sébastien Guex, La politique monétaires et financière de la Confédération suisse, 1900­1920, Lausanne 1993, 428.
(9) Andrew Porter, European Imperialism, 1860­1914, London 1994.
(10) Zu den Transformationen von symbolischem und ökonomischem Kapital siehe Pierre Bourdieu, Le sens pratique, Paris 1980, 191­231.
(11) So war Max Huber Mitglied des IKRK seit 1932 und während des Zweiten Weltkriegs sogar dessen Präsident und sass ausserdem von 1919 bis 1939 im Verwaltungsrat der Aluminium Industrie AG in Neuhausen.
(12) Lyonel Kaufmann, «Guillaume Tell au Congo. L'expansion suisse au Congo belge, 1930­1960», in Bouda Etemad, Thomas David (Hg.), La Suisse sur la ligne bleue de l'Outre-mer), Les Annuelles 5 (1994), 43­94.