Sabina Brändli, Martin Lengwiler, Monica Rüthers (Hg.)

Geschlecht: männlich – Genre: masculin

Traverse 1998/1

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1998
1998. 208 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-13-4

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Zusammenfassung

Geschlecht: Männlich

Sabina Brändli, Martin Lengwiler, Monica Rüthers

Die Auseinandersetzung mit Männern und Männlichkeiten erlebt in den Sozialwissenschaften gegenwärtig einen Boom. Auch die Historie macht da keine Ausnahme. Die vorliegende Ausgabe der traverse ist diesem noch jungen und sehr dynamischen Forschungsbereich gewidmet. Dass es dabei mehr um anregende Fragestellungen, vorläufige Arbeitshypothesen und innovative Forschungsperspektiven denn um abschliessende Antworten geht, versteht sich von selbst.
Wie lässt sich dieser Trend erklären? Es sind drei Faktoren der jüngeren Wissenschaftsgeschichte, die dazu beigetragen haben, dass die Historie auf den Mann gekommen ist. Erster Faktor ist die Frauengeschichte und die auf ihr aufbauende Geschlechtergeschichte, die seit den 70er Jahren die sozialwissenschaftliche Forschung ­ im angloamerikanischen Raum stärker als in der deutsch- oder französischsprachigen Wissenschaft ­ revolutioniert haben. Seit dem Augenblick nun, als die Frauengeschichte ihr Anliegen zu einem geschlechtergeschichtlichen ausweitete, weist sie beständig darauf hin, dass auch das «starke Geschlecht» kritisch zu untersuchen sei. Der zweite Faktor liegt in der Schwulen- und Lesbenbewegung, beziehungsweise in der durch sie inspirierten Sexualitätsgeschichte. Wenn etwas zur aktuellen Pluralisierung der Geschlechtscharaktere beigetragen und damit die tradierten Begriffe von Männlichkeit in Bewegung gebracht hat, dann war es die ausserordentlich produktive Auseinandersetzung mit nichtheterosexuellen Identitäten. Schliesslich, dies der dritte Faktor, setzt die Geschichte von Männern und Männlichkeiten eine alte sozialwissenschaftliche Tradition in veränderter Form fort. Es gab sie schon vor dem Ersten Weltkrieg und später auch in der Zwischenkriegszeit, die Soziologie der männlichen Vergesellschaftungsweisen und die Ethnologie der Männerbünde. Die heutige Geschlechtergeschichte verdankt dieser Tradition einige wichtige Forschungsschwerpunkte. Das Anliegen, männlich dominierte Gesellschaftsbereiche, von den Studentenverbindungen bis zum Militär, soziologisch und historisch zu untersuchen, hat an Bedeutung bis heute kaum verloren. Von der alten Männerforschung unterscheidet sich die aktuelle allerdings durch ihren kritischen und stärker historisierenden Zugang.
Diese traverse soll einen Einblick in die laufende, internationale und breitgefächerte Forschung geben. Die Beiträge umfassen eine Zeitspanne, die von der klassischen Antike bis in die Zeitgeschichte reicht. Und sie repräsentieren verschiedene nationale Forschungszusammenhänge, die sich als recht unterschiedlich erweisen: Der angloamerikanische Raum kann für die Männlichkeitsstudien bis heute als tonangebend gelten. Die deutschsprachige Männerforschung befasst sich vorwiegend mit Lebensbereichen, die männlich zugeordnet sind. Im französischsprachigen Raum fehlt offenbar der politische Hintergrund für eine geschlechtergeschichtliche Forschungskontinuität. Hier beschränkt sich die Männerforschung bisher auf zeitlich und thematisch begrenzte Einzelprojekte.
Bei den folgenden Beiträgen fällt neben dem verbindenden Anliegen der «gender studies» eine weitere Gemeinsamkeit auf. Sie zeugen alle von einem ausgeprägten theoretischen und methodologischen Interesse. Sei es das Konzept der Mimesis, die Frage des kulturellen oder sozialen Gedächtnisses oder die Diskussion um den Nutzen psychoanalytischer Begriffe ­ die Geschlechtergeschichte besitzt eine hohe theoretische Sensibilität, die sie über ihre eigentliche Fragestellung hinaus trägt. Dies mag mit ein Grund sein, weshalb die Geschlechtergeschichte von Männern und Männlichkeiten in den letzten Jahren eine so unerwartet schnelle Verbreitung gefunden hat. Wir hoffen jedenfalls, dass die Vielseitigkeit dieser traverse dem Heft zu einem breiten Publikum verhilft.