Pierre Dubuis, Jakob Messerli (Hg.)

Autour de l'histoire sociale du temps – Zur Sozialgeschichte der Zeit

Traverse 1997/3

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1997
1997. 169 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-12-7

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Zusammenfassung










Die «Zeit» ist zweifellos für alle Sozialwissenschaften von grundlegender Bedeutung. Während die Geographie, Soziologie und Ethnologie dem Thema schon seit längerer Zeit Rechnung tragen, haben sich erstaunlicherweise Historiker und Historikerinnen bisher weniger darum gekümmert. Von dieser allgemeinen Feststellung ausgenommen sind allerdings einzelne spezifische Aspekte des Themas, wie beispielsweise die Geschichte der Zeitvorstellungen und ihrer künstlerischen Darstellung oder die Geschichte der «kollektiven Erinnerung».
Besonders die Wirtschafts- und Sozialgeschichte hat sich bisher kaum mit dem «Faktor Zeit» auseinandergesetzt. Verantwortlich für dieses Defizit scheint der Umstand, dass sich die historische Forschung bei der Beschäftigung mit dem Thema «Zeit» bisher fast ausschliesslich auf den modernen Menschen konzentriert hat. Aus dieser Perspektive ergibt sich leicht die Vorstellung eines Fortschritts hin zur «modernen Zeit». Man unterstellt dann eine gerade Entwicklungslinie von mittelalterlichen Zeitvorstellungen (Jacques Le Goff) bis zur Arbeitsdisziplin des Industriezeitalters (E. P. Thompson). Was ausserhalb dieser idealen Entwicklung liegt, wird ausgeblendet. Dies gilt beispielsweise für die Bauern, die man gerne - so wie es Marc Bloch bereits 1939 getan hat - als zeitlos beschreibt. Dies gilt aber auch für die während Jahrhunderten dominierenden nichtmechanischen Zeitbestimmungsmittel, welche die Forschung auf Kosten der mechanischen Uhren vernachlässigt, obschon letztere den Bedürfnissen der grossen Mehrheit der Bevölkerung nur unzureichend gerecht wurden.
Wir meinen, die eben skizzierte Auffassung sei in den meisten Fällen untauglich, die Realität richtig zu beschreiben. Mit dieser Nummer von traverse verfolgen wir das Ziel, andere Sichtweisen zu Wort kommen zu lassen und bisher vernachlässigten Aspekten Platz einzuräumen. Einerseits fragten wir, was die anderen Sozialwissenschaften zu einer Sozialgeschichte des «Faktors Zeit» beitragen können, und andererseits wollten wir innovative Artikel von Historikern und Historikerinnen zum Thema präsentieren.
Dieses Heft enthält das Resultat unseres Vorhabens in drei Teilen. Im ersten Teil werden die Überlegungen einer Soziologin, eines Ethnologen und zweier Geographen vorgestellt, die sich aus der Sicht ihrer jeweiligen Disziplin mit dem «Faktor Zeit» beschäftigen, sei es in Form eines Übersichtsartikels (C. Leccardi, P. Glennie & N. Thrift), sei es in Form einer Fallstudie (H. Znoj).
Der zweite Teil der Nummer ist der ländlichen Welt gewidmet, die in der Geschichtsschreibung zum «Faktor Zeit» bisher kaum Beachtung gefunden hat. Ein Prähistoriker arbeitet mit archäologischen Funden und kombiniert diese mit ethnographischen Beobachtungen (P. Pétrequin), ein Mediävist befasst sich mit einer alpinen Gesellschaft im Mittelalter (P. Dubuis) und ein Ethnologe geht bei seinen Überlegungen von bestimmten Kleidungsstücken aus (T. Antonietti).
Der dritte Teil besteht aus einer Fallstudie, die eine Situation der Spannung zum Thema hat, die entstehen kann, wenn verschiedene Arten des Umgangs mit der Zeit aufeinanderprallen, hier die Konfrontation des französischen Adels mit der Zeit der Geschäfte und des Geldes (C.-I. Brelot).
In bezug auf Raum und Zeit sind die hier vorgestellten sieben Artikel von grosser Vielfalt: Vom Wallis bis nach Zentralsumatra und vom Neolithikum bis in die Gegenwart reicht die Spanne. Trotz dieser Vielfalt ist allen Texten ein Gedanke gemeinsam, den wir hier als vorläufiges Fazit herausstreichen möchten: Alle Autoren und Autorinnen stehen der Vorstellung einer linearen Entwicklung des Faktors «Zeit», etwa von einfach zu komplex, von Alt zu Neu, von Natur zu Technik, von ungenau zu präzise usw., kritisch gegenüber. Diese Sicht dominierte bisher die noch recht spärliche historische Forschung, scheint aber Teile der Realität und ihrer Veränderung nicht adäquat erfassen zu können. Die Beiträge dieser Nummer zeigen vielmehr, dass die Vorstellung von sich verändernden Feldern, in denen man sich ein Nebeneinander und Miteinander ganz unterschiedlicher temporaler Modi, Strukturen und Praktiken vorstellen muss, für die historische Forschung zum Thema «Zeit» neue Wege öffnen kann.

Pierre Dubuis und Jakob Messerli