Thomas Hildbrand, Jacqueline Milliet, Albert Schnyder Burghartz (Hg.)

Umweltgeschichte – L'histoire de l'environnement

Eine Geschichte neben dem Menschen? – Une histoire indépendante de l'homme?

Traverse 1997/2

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1997
1997. 178 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-11-0

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Zusammenfassung










Weniger als drei Jahre vor der Jahrhundertwende ist weder der Wald gestorben noch ist die Geschichte tot. Einige 100 Pflanzen- und Tierarten sind zwar für immer verloren, doch daraus auf den bevorstehenden Untergang der Welt zu schliessen, ist nicht mehr im Trend. Heute steht der wirtschaftliche Umbruch im Zentrum.
Dennoch und trotzdem meinen wir, dass wir uns mit der «natürlichen» Umwelt nicht nur als Erholungsuchende, sondern dass wir uns auch geistig mit ihr auseinandersetzen müssen. Denn die Geschichtlichkeit der Umwelt ist durchaus ein gesellschaftliches, ein kulturelles und politisches Thema.
Die Mitte der 90er Jahre scheint hierfür nicht der ideale Zeitraum zu sein, und auch innerhalb der traverse-Redaktion sind das Thema und seine Bedeutung umstritten. Was heisst denn «Umweltgeschichte»? Eignet ihr ein spezieller Zugang zu Geschichte, zu gesellschaftlichen Prozessen? Verlangt sie nach einer eigenen Methodik, bringt sie interdisziplinäre Fragestellungen und Zusammenarbeit voran? Fördert sie eine eigene Sicht auf die Vergangenheit? Vermag sie die Beziehungen zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunftsgestaltung intensiver herauszuarbeiten?
Kontrastiert am französischen Begriff «l'histoire de l'environnement» wird das Unternehmen Umweltgeschichte noch schillernder. Begriffsgeschichtliche Betrachtungen betonen immer wieder den anthropozentrischen Charakter von «Umwelt» und stellen die feinen, aber für die Ausrichtung der Forschungsthemen bedeutsamen Unterschiede zum französischen «environnement» heraus. Liegt in der Umweltgeschichte und in unserem Umgang mit ihr also auch ein Spezifikum franko- bzw. germanophoner Kultur?
Seit rund zwei Jahrzehnten verlangen umweltgeschichtliche Fragestellungen dringender danach, in den Themenkanon der Geschichtswissenschaft aufgenommen zu werden. In umweltgeschichtlichen Studien wurde der menschliche Raubbau an der «Natur» belegt, Ökokatastrophen wurden in die letztlich unerschütterliche Erdgeschichte eingereiht, die vernachlässigten «Natur»-Nebenkosten der Industrialisierung wurden aufgerechnet, der Blickwechsel zwischen Mensch und Natur, zwischen Natur und Kultur wurde geprobt und sowohl für die Sozial- und Geistes- als auch für die Wissenschaften als ganzes wurden grundlegende Neuorientierungen vorgeschlagen und eingefordert. Doch die Argumente vermochten bisher kaum zu überzeugen, denn nach wie vor ist es schwierig, den Platz der Umweltgeschichte in den Wissenschaften zu bestimmen. Von solchen Schwierigkeiten handelt der erste Beitrag unseres Heftschwerpunkts: Das Gespräch zwischen Monika Kalt und Jan Hodel versucht den Stand bzw. den Fluss der Umweltgeschichte einzufangen.
Mit dem Hinweis auf den Fluss der Dinge ist auch das Hauptthema des Schwerpunkts der vorliegenden traverse charakterisiert: Die hier versammelten Beiträge fokussieren die Veränderungen der soziokulturellen Repräsentationen von Natur, Landschaft und Umwelt, eine Blickrichtung, die sich aus unseren Diskussionen mit den einzelnen Autor/innen ergab. Bei der Formulierung unseres Konzepts meinten wir bei der Umweltgeschichte vor allem Fehlendes feststellen zu können. Wir meinten beobachten zu können, dass die aktuelle Umweltgeschichtsschreibung vorwiegend auf traditionelle methodische Repertoires und inhaltliche Fragestellungen ausgerichtet ist und dass sie insbesondere die Paradigmen weder der kulturwissenschaftlichen noch der linguistischen Wende wahrgenommen hat. Auf diese Vorstellung gingen unsere Autor/innen in ihren Projektskizzen jedoch kaum ein, oder sie wiesen sie deutlich als unzweckmässige Polarisierung zurück.
Dagegen fanden sich zwischen den einzelnen Projektskizzen viele und starke thematische Verbindungen, als hätten sich die Autor/innen untereinander - und gegen uns, die Planer/innen des Schwerpunkts - abgesprochen. In der Rückschau lässt sich die thematische Verwandtschaft der Beiträge jedoch relativ leicht erklären. Sie liegt darin, dass Umwelt das ist, was die Gesellschaft als ihre Umwelt definiert(e). Will daher Umweltgeschichte die veränderten Paradigmen der gegenwärtigen Geschichtswissenschaften ernst nehmen, so muss sie dem nachfragen, was der Gesellschaft als Umwelt gilt, so kann sie ansprechen, wie der gesellschaftliche Umgang mit Umwelt, wie die gesellschaftliche Repräsentationen von Umwelt aussehen. Und sie kann dies gerade auch auf der Basis des dank traditionelleren Forschungsbeiträgen Bekannten.
Die in dieser traverse gebotene Orientierung der gegenwärtigen Umweltgeschichte in fünf Beiträgen stellt sich in - mindestens - zweischichtiger Art und Weise vor. Die Veränderung der Umwelt, ihre Wahrnehmung und Deutung in der Gesellschaft lässt sich an verschiedenen Stellen fassen: Am Verhältnis des Individuums zur Landschaft (Christian Pfister), am Gefühl gegenüber der Natur bzw. an ihrer Erfassung durch ökologische Systemik (Francesco Panese), an Bildausschnitten von historischen Fotografien (Ueli Haefeli), an der sozioökonomischen Bedeutung von Hanf und Flachs (Margrit Irniger, Marlu Kühn) oder am Verhältnis der Gesellschaft zu ihren «Abfällen» (Rémi Barbier).
Die umweltgeschichtliche Arbeitsweise kommt aber zweitens auch im Zusammenspiel der Geschichtswissenschaft(en) mit anderen Disziplinen zum Ausdruck; am deutlichsten in jener ungewohnten Kooperation zwischen Bildbetrachtung und historischer Kontextualisierung (Ueli Haefeli), in jener subtilen Kontaktnahme zwischen Archäobotanik und Sozial- bzw. Wirtschaftsgeschichte (Margrit Irniger, Marlu Kühn) oder auch in jener spannungsreichen Interdependenz zwischen Theoriereflexion und historischer Verortung (Francesco Panese).
Thomas Hildbrand, Jacqueline Milliet, Albert Schnyder