Frédéric Sardet, Marianne Stubenvoll (Hg.)

Force de liens – Starke Bande

Parenté, travail et genres – Verwandtschaft, Arbeit und Geschlecht

Traverse 1996/3

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1996
1996. 207 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-09-7

Lieferbar | in den Warenkorb

Zusammenfassung

STARKE BANDE


VERWANDTSCHAFT, ARBEIT UND GESCHLECHT




Für unsere westliche Gesellschaft und wahrscheinlich für die ganze Welt gehört das Gedächtnis zu einer der wichtigsten Herausforderungen. Seine zentrale Stellung macht sich in einer Reihe von technologischen Entwicklungen bemerkbar, die von der Informatik bis zur Biotechnologie, vom Aufbau von Datenbanken bis zum Kampf gegen den Verfall der Fähigkeiten des Individuums infolge des Alterungsprozesses reichen. Man versucht allgemein, diese erstaunliche Fähigkeit immer stärker zu beherrschen, was sich gewöhnlich in sozialen Verhaltensformen ausdrückt, deren Soziogenese man nachzeichnen könnte: die klassische Erhaltung von authentischen Handlungen, die Zunahme der öffentlichen Archivierung, die Verfeinerung der Klassifizierungen und der Zielsetzungen zur Bewahrung des kulturellen Erbes, die starke Verbreitung der Museen, der genealogische Aktivismus, die photographischen Exzesse, die rapide Zunahme des Videofilmens usw. In all diesen Punkten hat die Gesellschaft nichts anderes gemacht, als die Formel des Pariser Glasers Jacques-Louis Ménétra verschärft anzuwenden, die wir im Artikel von Daniel Roche finden: «Ich habe einzig zu meinem Vergnügen und aus Lust, mich wieder zu erinnern, geschrieben.»
Indem wir dem Leser ein Dossier über die Kraft der Bindungen (oder genauso über deren Schwäche) präsentieren, wollen wir ihn dazu einladen, in die unmittelbarste Erinnerung einzutauchen; obwohl letztere in der Lebenszeit der Individuen geformt wird, wurzelt sie im Sozialen, ohne sich deshalb vollständig vom Biologischen abzuwenden: Wir wollen von der Bindung der Verwandtschaft sprechen. Diese ist weder rein sozial noch rein biologisch, sondern vor allem ein Ergebnis des Gedächtnisses (auch des biologischen). Ménétra drückt dies aus, wenn er seine Autobiographie 1764 folgendermassen eröffnet: «Mein Vater stammt aus der Schicht, die man gemeinhin Handwerker nennt. Er war Glaser. Ich werde also den Ursprung meiner Familie von ihm aus aufstellen und überhaupt nicht von meinen Ahnen reden.» Dieser einfache Satz ist eine Kriegserklärung. Die Schrift des Handwerkers baut sich im Namen der «Wahrheit» gegen die selbstgefällige Erinnerung der «wappentragenden» Männer auf, während die doppelte Bezugnahme auf die Arbeit (als Glaser) und die Familie zeigt, wie stark die selektive Auswahl des Familiengedächtnisses und dessen Generationentiefe auf den innerhalb einer Gesellschaft gebräuchlichen Werten beruht.
Wir sind nie aus dieser Diskussion herausgekommen. Man wird immer sowohl von der biologischen Einheit der eugenischen Regeln wie auch von der sozialen Einheit, wie sie von Durkheims Soziologie vertreten wird, Abstand nehmen müssen, um erkennen zu können, dass Abstammung und Verschwägerung ethische Probleme stellen. Diese stehen zwar in Verbindung zum Biologischen; doch ausserhalb der sozialen Sanktion, die für jene verwandtschaftlichen Sachverhalte, die von der Gruppe als solche anerkannt werden, gilt, machen sie keinen Sinn. In einer meisterhaften Untersuchung antwortet Francis Zimmermann zum Schluss auf die Frage «Was ist Verwandtschaft?» mit folgenden Worten:
«Ein symbolisches System, in meinem Sinn ein soziales und gefühlsmässiges System der Ortung, aber ein mehrdeutiges System. Die Betroffenen bemühen sich, seine biologische Grundlage zu relativieren, indem sie die Fiktion einer ÐWahrheitð schaffen - Wahrheit der Abstammung, Wahrheit der Genealogie, Wahrheit des Ehepaares. Ein System, das in Wirklichkeit auf einem Prinzip der Ungewissheit gründet.» (Enquête sur la parenté, Paris 1993, S. 224)
Nach der Nummer von Traverse, die der Kehrseite der Arbeit - der Arbeitslosigkeit - gewidmet war, schien es uns angebracht, die Familien- mit der Arbeitswelt zu konfrontieren, da wir im Herzen einer Gesellschaft, die sich manchmal schmerzlich oder zumindest unschlüssig entwickelt, hin- und hergerissen sind. Die grundlegende Rolle der Frau in dieser Konfrontation erklärt den dritten Begriff im Untertitel dieses thematischen Dossiers.
Tatsächlich bemühen sich alle hier vorgestellten Beiträge darum, die Bedeutung der Frauen in dieser heiklen Begegnung zwischen öffentlichem Bereich (Raum der Arbeit) und intimem Bereich (Raum der Verwandtschaft) aufzuzeigen. Wir wollten den Anthropologen das erste Wort geben: Sie sind es, die die Fragestellungen von uns Historikerinnen und Historikern genährt haben und noch nähren; niemand hat die Bedeutung der Arbeiten von Jack Goody vergessen. Die hier vorgestellten Forschungen zeigen, wie sehr der materielle Tausch unsere Wahrnehmung und unsere Beziehungen im Raum der Verwandtschaft bis in den Raum der Arbeitswelt formt. Martine Segalen und Sophie Chevalier haben diesen Tausch untersucht, während Anne Monjaret in ihrem Beitrag darlegt, wie er vom Kanal des Telephons mediatisiert wurde. Diese Untersuchungen, die aus dem Blickwinkel der Komplementarität, ja sogar des Ineinandergreifens der Bereiche geführt wurden, laden uns Historikerinnen und Historiker dazu ein, die üblichsten Kategorien in Begriffen von Güternutzung und Rollendefinition, je nach Geschlecht, neu zu bewerten. Der in Freiburg lebende Anthropologe Christian Giordano, der die Diskussion mit den Historikerinnen und Historikern nicht scheut, untersucht auf der Grundlage einer Studie zum Mittelmeerraum die klassische Gegenüberstellung zwischen öffentlichem Bereich - Raum des wirtschaftlichen Tauschs - und privatem Bereich, der sich meistens auf die familiären Beziehungen beschränkt. Der Autor lädt dazu ein, sich vor allem für die informellen Strukturen zu interessieren, die die Familie durchziehen: Patenschaft, Freundschaft, Beziehungen und bevorzugte Behandlungsweisen.
Und wo bleibt die Geschichte? Sie geht nicht vergessen. Sie ist sogar dank vier Beiträgen äusserst präsent, welche die Leserin und den Leser, die die Nummer linear zu lesen wählen, dazu einladen, in der Geschichte zurückzugehen. Die Oral History, die von Louis-Philippe L'Hoste geführt wird, liegt auf halbem Weg zu einem soziologischen Programm und bietet die Gelegenheit zu einer ersten Erforschung eines Korpus von aussergewöhnlichen Gesprächen. Man entdeckt darin die ethnographische Richtigkeit des Konzepts der symbolischen Familie, indem darauf eingegangen wird, wie im ersten Viertel unseres Jahrhunderts junge Frauen vom Land als Dienstmädchen in den Dienst bürgerlicher Familien traten.
Ein anderer Fall von Frauenarbeit findet sich bei den Textilarbeiterinnen des 19. Jahrhunderts: Jene aus dem Lancashire, die von Jutta Schwarzkopf untersucht werden, bieten die Gelegenheit, das von Michael Anderson geöffnete Dossier zu den Familienstrukturen 30 Jahre später wieder aufzunehmen. Man wird so über die Verschiebungen der Problemstellung urteilen können. In dieser Untersuchung geht es darum, wie sich das «Selbstbewusstsein» der in den Fabriken entlöhnten Weberinnen entwickelt. In einer ähnlichen Perspektive beobachten Elisabeth Joris und Heidi Witzig die Interaktionen zwischen Frauen und Männern innerhalb der Familie; sie zeigen, wie die Stellung der Arbeit und der Qualifikationsstufen die Möglichkeit bieten, den Einfluss der Veränderungen in der Familie seit dem 19. Jahrhundert zu entziffern.
Wir haben dieses Dossier mit Ménétra eröffnet und mit ihm, oder besser gesagt, mit Daniel Roche, wollen wir es auch schliessen. Diese leider zu wenig bekannte Autobiographie zeugt von einer erstaunlichen Schreibweise. Die vom Historiker vorgeschlagene Analyse nimmt eine Erzählform an, die dem Leben des Glasers entlangführt. Gleichzeitig enthüllt sie die Bedeutung, die man der Aktivierung der Bindungen zuschreiben muss, im Gegensatz zu einer Familienhistoriographie, die zu respektvoll den Zählungen, Erfassungen oder anderen Familienerhebungen gegenübersteht.
Diese Nummer will der Leserin und dem Leser einen Schlüssel zu den aktuellen Formen der Familienforschung liefern. Seit den 60er Jahren haben die historische Demographie und das Konzept der Protoindustrie weitgehend dazu beigetragen, sich die Familie in ihren Strukturen vorzustellen. Heute hat sich der Blick hin zu den Bräuchen, den Reproduktionsweisen von Werten oder Techniken verschoben. Sowie die Familie nicht mehr der einzige Pfeiler des Verhältnisses ist, das wir zur Welt unterhalten, ist sie auch nicht mehr Kern des reflexiven Gefüges. Das historische Schreiben läuft zwingend über den doppelten Blick auf Familienorganisationen, die über die Kernfamilie hinausgehen, auf Institutionen (Unternehmen, Schule, Vereinsleben usw.) und auf soziale Praktiken. Von einem analytischen Standpunkt aus schien uns die Wechselbeziehung zwischen Verwandtschaft, Arbeit und Geschlechterbeziehungen die vielversprechendste unter den sozialen Räumen zu sein, in die sich die Individuen einfügen.

Frédéric Sardet (mit der freundschaftlichen Mithilfe von Marianne Stubenvoll)
(Übersetzung: Valérie Périllard)