Beatrice Schumacher, Thomas Späth, Geneviève Heller (Hg.)

Bilder des Andern – Images de l'autre

Traverse 1996/1

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1996
1996. 214 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-07-3

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Zusammenfassung

BILDER DES ANDEREN


April 1995, Oklahoma City, USA: eine Autobombe explodiert vor den Räumlichkeiten des nationalen Büros für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen. Hunderte von Verletzten und Toten sind die verheerenden Folgen des Attentats. Über alle Fernsehschirme flimmern die Bilder der Zerstörung, und in allen Medien gilt der Terrorismus aus dem Nahen Osten als Urheber. Wenige Tage später wird deutlich, dass die Bombe nicht von Fremden gelegt wurde, sondern von amerikanischen Bürgern.
Spätsommer 1995, Frankreich: Bombenattentate in Paris und Lyon versetzen das Land in Angst. Algerische Fundamentalisten sollen dafür verantwortlich sein. Im September werden Name und Bild eines Verdächtigen herumgeboten: Khaled Kelkal, ein in der Banlieue von Lyon aufgewachsener «beur». Die Verfolgungsjagd der Polizei wird medial in Szene gesetzt, die fernsehschauende Nation ist quasi life dabei. Kelkal wird durch Schüsse aus Polizeiwaffen getötet, bevor der gerichtliche Nachweis seiner Veranwortung für eines der Attentate erbracht ist. Der Innenminister zeigt sich befriedigt, einen Leistungsausweis seiner Sicherheitskräfte vorlegen zu können. Die Attentatsserie geht jedoch nach der Erschiessung des jungen Mannes weiter.
Eine Bedrohung wird in Oklahoma und in Frankreich den Fremden zugeschrieben, dem ÐAnderenð, das nicht zur eigenen Gesellschaft gehört. Doch dieses externe Andere stellt sich als Teil des Eigenen, als internes Anderes heraus. In Oklahoma treten an die Stelle eines stereotypen Feindbilds amerikanische Bürger, die ihr «Recht» auf Waffentragen «verteidigen» wollen. In Frankreich rückt die tragische Geschichte des Khaled Kelkal, Sohn von ImmigrantInnen aus ehemaligem Kolonialgebiet, aufgewachsen in einer der französischen Vorstädte, sozial und wirtschaftlich unterprivilegiert, ein Problem der eigenen Gesellschaft in den Blick: Frankreichs Ausgrenzung seiner maghrebinischen Bevölkerung, die Ausgrenzung seiner eigenen Vergangenheit.
Das ÐAndereð: ein Wort mit unzähligen Facetten. Seine Verwendung in verschiedensten Kontexten hat zu einer Bedeutungsvielfalt geführt, die den Begriff eines feststehenden Gehalts beraubt. Der Begriff ist deshalb nicht mehr als Begriff verwendbar, sondern ist Herausforderung: Er verlangt, immer wieder neu definiert zu werden. Als Frage ist Ðdas Andereð auch für die historische Arbeit produktiv.
Das vorliegende Heft «Bilder des Anderen» reiht sich nicht in eine Perspektive ein, welche das Andere in der «Kulturbegegnung», der Konfrontation unterschiedlicher Kulturen sucht. Diese Perspektive entwickelte die Ethnologie seit ihren widersprüchlichen Anfängen im Kolonialismus als ihren eigentlichen Forschungsgegenstand; die Geschichtsforschung nahm diese Fragestellung - insbesondere in den Forschungen über die «Entdeckung der Neuen Welt» - auf; neu aufflammende Rassismen und ethnozentrische Nationalismen haben in den letzten Jahren zu einer breiten Diskussion und zahlreichen Publikationen zu den Fragen von Ausgrenzung, Assimilation und Identität geführt, an denen sich alle Humanwissenschaften beteiligen.1 Im Unterschied zu diesen Ansätzen will die vorliegende Nummer von traverse die Konstruktion der Differenzen zum Thema machen. Die Beiträge stellen die Frage nach der Konstruktion des Anderen auf zwei Ebenen: Sie thematisieren das Andere erstens als Objekt der historischen Forschung, als einen Begriff, den jede Gesellschaft unterschiedlich ausfüllt. Die Beiträge stellen zweitens die Frage nach dem Anderen auf der Ebene der Herangehensweisen, welche die Begegnung mit dem Anderen in ein methodologisches Postulat umsetzen.
Als Objekt historischer Forschung greifen die sechs Beiträge das Andere auf, indem sie die Frage stellen, was von der Gesellschaft einer bestimmten Epoche als fremd, anders betrachtet wurde und auf welche Weise sie an dieses Andere heranging: Individuen, gesellschaftliche Gruppen und ganze Gesellschaften definieren das Andere sowohl als Nicht-Zugehörigkeit, als externes Anderes, wie auch im Rahmen der Zugehörigkeit als ein Anderes in sich selbst. Tzvetan Todorov zeigt in seiner Untersuchung der Eroberung Amerikas2 , wie das ferne Fremde den Vergleich mit dem Fremden der eigenen Gesellschaft herausforderte: Religiöse und politische Praktiken der Azteken wurden über das Instrument der Erklärungsmuster, die auf die spanischen Vorstellungen von Juden, von Frauen, von griechisch-römischen Mythen zurückgriffen, fassbar gemacht. Todorov weist zugleich auf die métissage hin, auf die Integration des Anderen in die eigenen Praktiken, die er in seiner neusten Publikation, dem Entwurf einer «allgemeinen Anthropologie»,3 zu einer generellen Bedingung menschlichen Lebens ausformuliert: «Die andern sind nicht nur von Beginn an um uns herum: von der frühesten Kindheit an interiorisieren wir sie, und ihre Bilder beginnen, Teil von uns selbst zu sein». Als Ergebnis dieses Prozesses hält er fest: «Das Selbst ist das Produkt der anderen, welche es seinerseits produziert».4
Die verallgemeinernde Aussage über das Andere als Bedingung menschlichen Lebens kommt einher wie die Beschreibung einer friedlichen, wechselseitigen Durchdringung von Verhaltensweisen, Sprechgewohnheiten, Denk- und Handlungsformen, welche eine gesellschaftliche Gruppe einer bestimmten Epoche (und die Individuen, woraus sie sich zusammensetzt) prägten. Doch das Andere als Objekt historischer Forschung stellt sich kaum je dar als Prozess in einem machtfreien Raum. Gerade die Eroberung Amerikas, Ausgangspunkt von Todorovs Überlegungen zur «Frage des Anderen», bringt Stephen Greenblatt zur (als Literaturwissenschaftler widerwillig gestellten) Frage, ob nicht «Worte als blosser Deckmantel für Taten und deren physische Folgen» zu betrachten sind, ob nicht Diskursanalysen reine Gespinste sind im Vergleich zur «Bedeutung des Jahres 1492 und seinen furchtbaren Folgen [...]: Schwerter und Kugeln dringen in nacktes Fleisch ein, Bakterien und Viren raffen Körper mit fehlenden Abwehrkräften dahin.» Und dennoch: auch wenn Greenblatt zugesteht, dass «Mikroben jenseits des Renaissancediskurses» liegen und anerkennt, dass Diskurs allein nicht ein Ereignis erkläre, so weist er doch zurecht darauf hin, dass «der Besitz von Waffen und die Entschlossenheit, sie gegen wehrlose Menschen einzusetzen, [...] eine kulturelle Angelegenheit sind, die aufs engste mit dem Diskurs verknüpft ist: mit den Geschichten, die eine Kultur sich selbst erzählt, mit ihren Vorstellungen über die Grenzen von Personen und deren Verantwortlichkeit, mit ihrem kollektiven Regelsystem».5
Greenblatts Überlegungen führen uns zur zweiten Ebene unserer Frage nach dem Anderen: Nicht nur als Objekt ihrer Forschungsarbeit tritt das Andere HistorikerInnen gegenüber, es bestimmt auch die historische Arbeit als solche. Denn haben wir nicht das Aufsuchen, das Befragen, das Interpretieren, das Erzählen des Anderen - der Vergangenheit - zu unserem Beruf gemacht? Herodot reiste zu fremden Völkern und Städten, um Verhaltensweisen, Regierungsformen, religiöse Praktiken zu beobachten, oder er liess sich erzählen, immer auf der Suche nach der Anekdote (im eigentlichen Wortsinn: nach dem noch nicht Heraus- und Preisgegebenen). Das Erkunden in der unablässigen Erweiterung seines Gesichtskreises machte dieser von Cicero einigermassen willkürlich zum «Vater der Geschichte» erklärte Reisende zu seiner Aufgabe, allerdings keineswegs ziellos: sein erzählerisches Ziel war der Krieg zwischen den griechischen Stadtstaaten und dem Reich der Persischen Grosskönige. Nicht Herodots Text allerdings wurde zum Erzählmodell für die Geschichtsschreibung über Jahrtausende, Modell war vielmehr das Aufzeichnen des Bekannten, des Handelns von Politikern und Heerführern, woraus sich ein Inventar von exempla als Handlungsanleitung für die Aktualität der jeweiligen Gegenwart gewinnen liess. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts öffnete sich die Historiographie dem Anderen der Mentalitäten, dem Anderen fremder Kulturen, dem Anderen der Arbeit, des Alltags, der Geschlechterrollen in der eigenen Kultur, anderen Akteuren als den Machtausübenden.
Heute kann die Arbeit des Historikers und der Historikerin definiert werden weniger als eine Rekonstruktion von Vergangenheit, welche die Erarbeitung einer identifikatorischen Kontinuität zum Ziel hat, denn vielmehr als eine genaue Lektüre des Textes einer Vergangenheit, deren Andersartigkeit vorausgesetzt wird. Historisches Arbeiten meint dann die Deutung der Texte der schriftlichen oder mündlichen, sprachlichen oder archäologisch-materiellen «Quellen», der Bilder, der Zahlen und Statistiken, worin wir Menschen und Gesellschaften vor 2000 oder vor 20 Jahren zu fassen suchen, die sich von unseren Diskurssystemen unterscheiden. Wir greifen dabei zwangsläufig auf Interpretationsmuster und Kriterien zurück, die uns vertraut sind: Unsere Aufgabe ist nicht das Reproduzieren von nicht verstehbar Anderem, sondern das Erklären. Erklären ist ein Übersetzen des Fremden in die Denkweisen der eigenen Vorstellungen. Historisches Arbeiten steht damit vor dem Dilemma, das Greenblatts Buch den Titel gibt: Wunderbare Besitztümer. Denn die Texte unserer «Quellen» sind zwar wunder-bar, sie bringen uns zum Staunen. Doch das Sich-Wundern kann nicht zum Besitztum unseres Wissens und unserer Wissenschaft gemacht werden: Besitz und Staunen schliessen sich aus. Die folgenden Beiträge suchen einen Weg, der von diesem Dilemma wegführt: sie nehmen das erste Wort des Titels, der über diesem Themenschwerpunkt steht, ernst, sie beschreiben Bilder des Anderen. Bilder des Anderen lassen sich nicht in die Einzahl setzen: Es gibt nicht das Bild des Anderen, das Andere lässt sich nur in einer Vielfalt von Bildern fassen, und der Anspruch des historischen Arbeitens kann nicht sein, diese Vielfalt auszuschöpfen. Die historische Konstruktion kann nur einige Aspekte, einige Bilder herausgreifen, die unter sich in einem komplexen wechselseitigen Verhältnis stehen, sich gegenseitig beeinflussen, zurückdrängen, verstärken. Auf diese Weise entgehen wir der Gefahr des imperialistischen Anspruchs, das Andere in seiner Pluralität zu reduzieren auf das Eine unseres Besitzes: Historisches Arbeiten kann nie das Produkt eines Abbildes der Vergangenheit, kann nie ein ein-deutiges und damit fixierend-festlegendes Bildes des Anderen zum Ergebnis haben.
Geschichtsforschung stellt immer ihre aktuellen Fragen an ihr Forschungsobjekt, an die Vergangenheit und ihre fremden Welten, anderen Lebensweisen. Die Frage nach dem Anderen möchten wir historisch aufgreifen, um Denkmöglichkeiten zu erkunden. Die sechs Beiträge untersuchen - von der Antike bis in die Gegenwart - Ausgrenzung und Konfrontation mit Anderem, Beziehungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Sie stellen damit den vermeintlichen Selbstverständlichkeiten der Gegenwart eine komplexe Vielfalt entgegen.
Dirk Barghop beleuchtet in seinem Beitrag die Geschichte eines Senators im Rom der frühen Kaiserzeit (1. Jahrhundert u. Z.), der gezwungen wird, seinem Leben ein Ende zu setzen. Die Suche nach Erklärungen dieses Todes führt zur Frage nach dem Anderen im senatorischen Habitus: der Suizid wird zum Endpunkt einer Geschichte der Ausgrenzung. Während Barghop die Konstruktion eines Bildes des Anderen analysiert, legt Carlos Zeron in seiner Untersuchung der jesuitischen Mission in Brasilien das Gewicht auf die sozio-ökonomischen Bedingungen, auf deren Hintergrund Bilder des Anderen entstehen. Ihren anfänglichen Widerstand gegen die Ausbeutung der indigenen Arbeitskraft müssen die Jesuiten sehr schnell aufgeben: nicht nur wird die brasilianische Bevölkerung zu Ansiedlung und Arbeitsleistung gezwungen, sondern die Mission kann sich wirtschaftlich nur dank zusätzlicher Arbeitskraft halten, welche sie sich mittels dem - bis heute verheimlichten - jesuitischen Sklavenhandel zwischen Brasilien und Angola beschafft. Zeron geht den Rechtfertigungen nach, die für diese Praxis gefunden werden mussten, und er zeigt, wie die Missionare vor Ort ihren Kritikern mit einem Bild der «zu Recht» in Unfreiheit lebenden Sklaven entgegentraten.
Das Bild als Übersetzungsleistung problematisiert die Linguistin Lorenza Mondada in ihrer Untersuchung von Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert: Sie diskutiert die Bedingungen, die uns die Sprache auferlegt, um Fremdes überhaupt zu fassen: Die Bedeutung sprachlicher Mittel für die Konstruktion von altérité wird in Mondadas Beitrag auch für HistorikerInnen klar: Das Andere existiert nicht als solches, sondern nur in den Bedeutungsstrukturen der eigenen Sprache und damit in Bildern.
Nicht nur verbale, auch visuelle Sprache dient der Darstellung des Anderen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann das schweizerische Justizdepartement die Photographie als polizeiliches Fahndungsinstrument einzusetzen. Die von Thomas Meier und Rolf Wolfensberger vorgestellte Photoserie gibt einen Einblick in den Prozess der Herausbildung einer Bildsprache, die vom Fahndungsbild nach dem Muster des bürgerlichen Porträts - dem Eigenen - hinführt zur Ausbildung des Bildtypus «en face et en profil», der zum klar abgegrenzten Abbild des Verbrechers - des Anderen - geworden ist.
Mit der Bevölkerungsgruppe, die das christliche Abendland während zwei Jahrtausenden gleichsam zum Idealtypus der ausgegrenzten Minderheit ausformte, mit der jüdischen Bevölkerung, beschäftigt sich der Beitrag von Daniel Gerson. Er stellt jedoch nicht die vielfach erforschte antijüdische Stereotypenbildung zur Diskussion, sondern sein Interesse gilt dem Blick der jüdischen Minderheit - konkret jener der polnischen Industriestadt Lodz in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts - auf die sie umgebende Mehrheit der nichtjüdischen - in diesem Fall polnischen und deutschen - Bevölkerung. Die doppelte Erscheinung des Anderen führte in der jüdischen Wahrnehmung zu Differenzierungen (unter anderem einer grossen Wertschätzung deutscher Kultur), welche die von Gerson heute darüber befragten Personen in ihren Erinnerungen an die dreissiger Jahre bewahrt haben - auch nach der Erfahrung des Holocaust.
Die Verheerungen des Nationalsozialismus und das schwierige, allzu schnell unter dem Vorzeichen des «Wiederaufbaus» harmonisierte Zusammenleben im Nachkriegsdeutschland hat der Schriftsteller Wolfgang Koeppen bereits Mitte der fünfziger Jahre in seinem Roman Tod in Rom einem analytischen Blick unterzogen. Der Literaturwissenschaftler Martin Luchsinger zeigt, wie dieser Text Deutsche in Rom zusammenführt, in deren Figuren der Krieg auf unterschiedlichste Weise präsent ist. Ungebrochene Verehrung des Nationalsozialismus neben radikalen Brüchen bestimmen die Identität der Hauptfiguren des Romans in ihrer Abgrenzung voneinander, und der Text legt damit eine Vielfalt von Bildern eines Anderen vor. Luchsinger analysiert die Ausgestaltung dieser Bilder mit theoretischen Ansätzen, welche Thesen Todorovs kritisch weiterführen zu Benjamins «Denkbild», das die komplexen Relationen unter den Romanbildern als dialektische Bilder erkennen lässt.
Die Nachkriegszeit bedeutete auch den Aufbruch ins Konsumzeitalter, einem scheinbar unaufhaltsamen, sich zunehmend beschleunigenden Prozess, der sich Amerika als grosses Vorbild auserkoren hatte. Sibylle Brändli hat sich mit textanalytischen Mitteln den Reisebericht einer Migros-Studiendelegation vorgenommen, die 1961 neue Distributionstechniken im amerikanischen Detailhandel erkundet. Sie zeigt, dass die Begegnung mit Amerika ein Prozess der Verführung ist, der Faszination und Abwehr zugleich: Der Blick auf das Andere ist ein von Beunruhigung, anxiety, geprägter Blick auf die eigene Zukunft. Von hier aus drängt sich eine Sicht von Amerikanisierung auf, die entgegen einer gängigen Metapher der Beschleunigung die kulturelle Arbeit in den Blick rückt, die der Übergang in die neue Welt der Waren erforderte.
Quer durch die Vielfalt der angesprochenen Themen und Zeiten zeigt sich, dass «das Andere» nicht in der Einzahl gefasst werden kann: ob an dieses Andere in fremden Welten und auf anderen Kontinenten oder in der eigenen Gesellschaft herangetreten wird, immer führen die Übersetzungs- und Interpretationsprozesse zu einer Pluralität von Bedeutungen des Anderen, und diese Bedeutungen sind nie fixierbar, sondern in ständiger Veränderung. Das Andere existiert deshalb nicht als solches, es existiert nur in konstruierten Bildern, die es nie auszuschöpfen vermögen. Diese Bilder werden auf der Basis des Eigenen geschaffen, das historisch bestimmt ist: Jede Gesellschaft befindet sich in einem konstanten Prozess, worin das Andere aufgrund ihres Selbstbildes bestimmt wird und dieses Selbstbild in bezug auf dieses Andere. Jede Gesellschaft definiert Eigenes zum Anderen und Anderes zum Eigenen - so kann es denn nie eine «reine» Identität, eine «reine» Kultur geben.

Beatrice Schumacher, Thomas Späth*


Anmerkungen

1 Beispielsweise waren die Angriffe auf Flüchtlinge in Hoyerswerda (Sachsen) 1991 direkter Auslöser für eine Tagung mit nachfolgender Publikation: Friedrich Balke et al. (Hg.), Schwierige Fremdheit. Über Integration und Ausgrenzung in Einwanderungsländern, Frankfurt a. M. 1993.
2 Tzvetan Todorov, La conquête de l'Amérique. La question de l'autre, Paris 1982 (deutsch: Frankfurt a. M. 1985); vgl. insbesondere Teil IV. «Connaître», 191-246.
3 Tzvetan Todorov, La vie commune. Essai d'anthropologie générale, Paris 1995.
4 Tzvetan Todorov, La vie commune, 144, 145 (unsere Übersetzung); für eine vertiefte Thematisierung dieser Frage in philosophischer und psychoanalytischer Perspektive auf historische Beispiele hin vgl. Julia Kristeva, Étrangers à nous-mêmes, Paris 1988.
5 Stephen Greenblatt, Wunderbare Besitztümer. Die Erfindung des Fremden: Reisende und Entdecker, Berlin 1994 (englische Erstausgabe: Marvelous Possessions, Oxford etc. 1991), 104. Für eine kritische Erörterung von Greenblatts Ansatz vgl. Jan R. Veenstra, «The New Historicism of Stephen Greenblatt: On Poetics of Culture and the Interpretation of Shakespeare», History and Theory, 34 (1995), 174-198.
* Wir danken herzlich Geneviève Heller für ihre zahlreichen Ermutigungen und ihre grosszügige Mitarbeit an diesem Themenschwerpunkt, der ohne ihre Mithilfe nicht in der vorliegenden Form erscheinen könnte. Unser grosser Dank geht ebenso an die AutorInnen für ihre Bereitschaft, im Frühjahr 1995 zu einem Kolloquium zum Thema dieses Schwerpunktes zusammenzukommen sowie für die ausserordentlich grosse Offenheit für Austausch, Kritik und Anregungen, welche unsere Zusammenarbeit prägten.