Brigitte Studer, Mario König, Marc Perrenoud (Hg.)

Kommunismus – Communisme

Verdammung und Verklärung – Diabolisé et idéalisé

Traverse 1995/3

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1995
1995. 192 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-06-6

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Zusammenfassung

Kommunismus: Verdammung und Verklärung

Die Suche nach dem historischen Blick

Als eine der grossen politischen Bewegungen und Weltanschauungen des 20. Jahrhunderts hat der Kommunismus seit je das Interesse der westlichen Öffentlichkeit und historischen Forschung auf sich gezogen. Doch die Geschichtsschreibung über die Sowjetunion und die internationalen kommunistischen Organisationen litt stets unter einer doppelten Hypothek: einerseits erfuhren ihre Erkenntnisse eine mehr oder weniger direkte Verwertung in der politischen Auseinandersetzung, anderseits blieb ihr bis vor kurzem der Zugang zu den Archiven fast gänzlich versperrt, da nicht nur die sowjetischen Institutionen, sondern auch die westeuropäischen Kommunistischen Parteien ihre dokumentarischen Bestände in der Regel fest verschlossen hielten. Nur wenige in den Westen «gerettete» Sammlungen wie die sogenannten «Archive von Smolensk» in Harvard, die zuerst der Wehrmacht und anschliessend der amerikanischen Armee in die Hände gefallen waren, oder ­ für die Geschichte der Komintern ­ die in La Chaux-de-Fonds deponierten Dokumente des Schweizers Jules Humbert-Droz ermöglichten Einblicke in die sowjetische Gesellschaft oder die bald von der sowjetischen Partei kontrollierten ausländischen Organisationen. Solch faktologische und wissenschaftliche Defizite konnte auch die sowjetische Historiographie nicht grundsätzlich wettmachen. Im Gegenteil: durch ihre permanente Umschreibung der Vergangenheit einem Palimpsest gleich beschränkt sich ihre Verwendbarkeit beinahe ausschliesslich auf die Rolle eines Objekts der historischen Betrachtung.
Die erste Schwäche der Historiographie des Kommunismus kann seit der Implosion der Sowjetunion insoweit als behoben gelten, als die Archive sich schrittweise öffneten. Auch wenn dies bekanntlich nur teilweise der Fall ist und bereits wieder Einschränkungen in der Zugangspraxis zu konstatieren sind,1 können nun doch viele frühere Aussagen und Vermutungen empirisch belegt oder eben zurückgewiesen werden. Mit dem Ende des Kalten Krieges sollte auch die zweite Last von der Geschichtsschreibung abfallen, die Vergangenheit zur Legitimation oder umgekehrt zur Dämonisierung eines Systems oder einer Weltanschauung in Dienst zu nehmen.
Dass dem nicht zwingend so ist, zeigt der Beitrag von Serge Wolikow. Obwohl der Autor sich auf die Debatten in Frankreich konzentriert, wird dennoch deutlich, wie stark die Geschichtsschreibung auf diesem Gebiet immer noch für die Begleichung politischer Rechnungen instrumentalisiert wird. Eine Tatsache übrigens, die auch anhand des Umgangs mit der DDR-Vergangenheit hätte exemplifiziert werden können! Gefördert wurden triviale Erklärungsmuster und vereinfachende Sichtweisen allerdings auch von der bereits wieder abflauenden medialen Neugier für Enthüllungen jeglicher Art zum untergegangenen Sowjetimperium. Auf jeweils besondere Aufmerksamkeit konnten Berichte über tragische Einzelschicksale oder die Entdeckung einer angeblich dubiosen Vergangenheit westlicher Politiker zählen.2 Der publizistische Rush trug zudem das Seine zur Kommerzialisierung der Archive bei, was es für kurze Zeit als nicht unwahrscheinlich erscheinen liess, dass die langjährig praktizierte politische Geheimhaltung der Archivalien durch eine von ökonomischen oder gar individuell-wissenschaftlichen Interessen diktierte ersetzt würde.
Für die historische «scientific community» sind diese Entwicklungen insofern von Bedeutung, als auch Mitglieder ihrer Zunft nicht gänzlich immun geblieben sind gegenüber den Verlockungen sensationeller Veröffentlichungen und exklusiver Zugangs- und Publikationsrechte und sich somit etliche Fragen eröffnen.3 Darüber hinaus ergeben sich aber vorwiegend Probleme zur Theorie und Vorgehensweise der Geschichtsschreibung auf dem Gebiet der Kommunismusforschung.
Denn der plötzliche Zugang zu den bis dahin hermetisch abgeriegelten Dokumenten verursachte nicht nur ein Mengenproblem (wie ist die Archivflut sinnvoll zu verarbeiten?), er warf auch methodische Fragen auf. Vorderhand hat er aber in erster Linie einen «Positivismusschub» bewirkt. Paradoxerweise scheint es gerade die Fülle an Materialien gewesen zu sein, die einem ­ von manchen konstatierten ­ historiographischen Rückschritt zu ereignisgeschichtlichen Ansätzen und Darstellungen Auftrieb gab. Ausserdem förderte er streckenweise ein weitgehend unkritisches Herangehen an die Quellen, das Schriftstücke bedenkenlos als «Beweise» behandelt. Was ein französischer Historiker über die Archive des vergangenen DDR-Regimes sagte, kann aber genausogut Geltung für die hinterlassenen Spuren des Sowjetkommunismus und der Komintern beanspruchen: «Rien ne serait pire que de prendre au pied de la lettre ce que disent les archives, car sous prétexte de dénonciation purificatrice, on tomberait dans le piège qu¹on prétend dénoncer, en croyant l¹image que le régime défunt a voulu donner de lui-même.»4 Dass diese Vorwürfe vor allem in Frankreich zu hören waren, ist damit zu erklären, dass die französische Kommunismusforschung vor der Öffnung der russischen Archive wohl von allen «nationalen» Geschichtsschreibungen die entscheidenste Erneuerung ihrer Fragestellungen, Begrifflichkeit, Methoden und Ergebnisse erfahren hatte. Mehr als andere machte sie aus der Not eine Tugend: Den Mangel an dokumentarischen Unterlagen zur internationalen Ebene des Kommunismus kompensierte sie, indem sie die zahlreichen Facetten seiner nationalen Ebene mittels sozialgeschichtlicher Zugangsweisen sowie mittels Konzepten und Methoden aus benachbarten Disziplinen erschloss.

Historische Kommunismusforschung situiert sich vorwiegend als politische Geschichte. Sie richtet ihr Blickfeld aber seit einiger Zeit durchaus auch auf sozial-, kultur- und mentalitätengeschichtliche Fragen. Indessen wäre es nicht nur wissenschaftlich bedenklich, sondern geradezu grotesk, wenn die neu zugänglichen Quellen sie hinter die in den letzten beiden Jahrzehnten stattgehabte grundlegende historiographische Erneuerung zurückfallen liessen. Doch trotz einiger Regressionstendenzen in Richtung einer politischen Geschichte im engen Sinne sind seit kurzer Zeit kritisch-methodologische Überlegungen im Gange; bei Tagungen und in wissenschaftlichen Zeitschriften werden nun Auseinandersetzungen über die Erkenntnismöglichkeiten und Grenzen der neu zugänglichen Archive geführt. Wiewohl manches erst in Ansätzen diskutiert wird, zeichnet sich auf der Binnenebene eine Abkehr von rein ereignis- und organisationsgeschichtlichen oder taktisch-programmatischen Perspektiven und eine Hinwendung auch zu kultur- und mentalitätshistorischen Fragestellungen ab. Noch weitgehend offen bleiben hingegen Problematiken wie die der Bedeutung und Funktion des Kommunismus für die okzidentalen Gesellschaften überhaupt oder die der gegenseitigen Wechselbeziehung zwischen Ost und West im Modernisierungsprozess.
Der Schwerpunkt dieses Hefts greift somit in eine erst in den Anfängen steckende Debatte. Chronologisch konzentriert er sich auf die dreissiger und vierziger Jahre, also auf die Periode des Hochstalinismus, mit einem Rückblick auf die Anfangsjahre der Sowjetherrschaft. Thematisch bewegt er sich vorwiegend zwischen den beiden Ländern «Schweiz-Sowjetunion», zwischen welchen die Komintern ein strukturelles und kulturelles Bindeglied darstellte. Inhaltlich fragt er in erster Linie nach der internen Dynamik der kommunistischen Bewegung und ihrer Organisationen, anschliessend nach der Anziehungskraft des Sowjetstaates, sei es als Gesellschaftsmodell oder als Auswanderungsland, und indirekt nach dem als Reaktion darauf entstandenen Antikommunismus. Zweifellos bedeutete das Jahr 1917 in der europäischen Geschichte eine Zäsur. Die Machtübernahme der Bolschewiki löste sowohl Hoffnungen wie Ängste aus, die Entstehung Sowjetrusslands beziehungsweise der Sowjetunion produzierte sowohl Feindbilder wie Wunschvorstellungen, das Land im Osten war Zielscheibe der virulentesten Verdammung wie der uneingeschränktesten Verherrlichung.
Welches war das Verhältnis der offiziellen Schweiz zur Sowjetunion? Im Gegensatz zu anderen westlichen Staaten verharrte die Alpenrepublik in einer strikt ablehnenden Haltung: von 1918 bis 1946 unterhielt sie keine diplomatischen Beziehungen mit dem «Vaterland der Werktätigen». Deren Abbruch und Wiederaufnahme werden in diesem Heft neu beleuchtet. Antoine Fleury und Danièle Tosato-Rigo weisen in ihrem Beitrag zum Wirken der diplomatischen Mission Jan Berzins in Bern darauf hin, wie stark die Wahrnehmung des Sowjetstaats von Anfang an politisch geprägt war. Obwohl der propagandistische Einfluss der Sowjetbotschaft in Westeuropa wie in der Schweiz ­ folgt man den erstmals im Archiv für Aussenpolitik der Russischen Föderation verfügbaren Berichten ­ als äusserst bescheiden veranschlagt werden kann, wurden deren Repräsentanten als gefährliche Unruhestifter identifiziert und im November 1918 des Landes verwiesen. Trotz zahlreicher Vorstösse seitens der Exportindustrie sollte diese ideologisch motivierte Betrachtungsweise bis zum Ausgang des 2. Weltkrieges vorherrschen. Erst dann rückten pragmatische Interessen in den Vordergrund, gehörte die Sowjetunion doch zu den Siegermächten. Wie Sophie Pavillon anhand von Schweizer Quellen darlegt, bedingte die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen indessen keineswegs, dass alte Stereotypen abgebaut wurden. Diese bestanden ungebrochen weiter, doch aus realpolitischen Gründen aktivierte man kurzfristig andere Bilder: statt vom unberechenbaren asiatischen Barbaren war nun die Rede vom gutmütigen, obgleich etwas retardierten russischen Menschen. Das gelang recht mühelos, da es sich um die Kehrseite derselben Medaille handelte.
Bedingungslose Unterstützung erhielt die Sowjetunion hingegen von den Schweizer Mitgliedern der Kommunistischen Internationale. Dass diese Loyalität trotz der hohen Kosten, die sie den Kommunistinnen und Kommunisten auferlegte, praktisch keine Einbrüche erfuhr, ist in hohem Grade erklärungsbedürftig. Erst wenn die Komintern und ihre nationalen Sektionen als ganzheitliches System verstanden werden, wo sich Machtmechanismen von «oben» mit Eigeninteressen von «unten» zu einer in sich geschlossenen Subgesellschaft, zu einer Lebenswelt, zusammenfügen, so wird im Aufsatz von Brigitte Studer argumentiert, erweist sich der Prozess der Domestizierung der kommunistischen Parteien als historisch verständlich. Die Studie von Berthold Unfried führt diese Problematik am Beispiel des Rituals von Kritik und Selbstkritik während der «Säuberungen» der dreissiger Jahre in die Komintern selbst über. Der Apparat der kommunistischen Organisation wird dabei als Überlappungsfläche zweier Wertsysteme, dem russischen bzw. sowjetischen einerseits, dem westlichen anderseits, analysiert. Zur gelungenen Formierung des stalinistischen Kaders, der die «bolschewistischen» Werte internalisiert hat, gehörte als Mittel der Disziplinierung die Verleugnung der eigenen Persönlichkeit und die freiwillige, wenn nicht «frohe» Unterwerfung unter das Kollektiv.
Ebenso «freiwillig» ­ sieht man vom ökonomischen Zwang ab ­ emigrierten im Jahr 1937 eine von der Krise arg betroffene Gruppe jurassischer Uhrenarbeiter in die Sowjetunion. Diese Episode, die Peter Huber in seinem Artikel schildert, ist aufschlussreich für unser Thema. Denn sie illustriert die Erwartungen, die Schweizer Arbeitslose an die Sowjetunion als Land der Vollbeschäftigung knüpften, währenddessen die Behörden und in vorderster Linie die Bundesanwaltschaft derartige Auswanderungspläne voller Argwohn beobachteten. Die Sowjetunion erscheint somit als privilegierte Projektionsfläche, vor deren Hintergrund schweizerische sozialpolitische Auseinandersetzungen ausgetragen wurden.
Liessen sich in der Schweiz die Illusionen des kommunistischen Gesellschaftsentwurfs bei einer Minderheit dank der geographischen Distanz bis vor kurzem aufrechterhalten, endeten in den Staaten Osteuropas die utopischen Höhenflüge schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs unwiderruflich in platter Funktionalisierung durch politische Machtinteressen. Das Erbe des Kommunismus enthüllt sich heute in diesen Ländern als Büchse der Pandora, wie Jan Foitzik in seinem Beitrag aufzeigt. Zu den wohl verheerendsten Plagen gehört der sich ausweitende Nationalismus in dieser Region. Seine heutige Sprengkraft verdankt er nicht zuletzt der Politik Stalins und deren Stützung durch die Kommunistischen Parteien Osteuropas, welche dieses Erbgut zu Legitimationszwecken mit dem Kommunismus amalgamierten.
Das Ende des Kommunismus hat somit eines bestimmt nicht gebracht: das Ende der Historie. Möglicherweise lässt sich aus der Geschichte dieser politischen Richtung, die sowohl Ideologie, Weltanschauung, Lebenswelt, Partei wie Staatsmacht war, lernen. Gefordert ist daher der Beginn ihrer Historisierung als soziales Phänomen, das im Westen Faszination aber ebenso heftigste Abwehrreaktionen auslöste, frei von politischen Nutzungsabsichten. Bedingung dafür sind aber nicht nur breit zugängliche Archive (und zwar nicht nur im Osten), sondern auch der Wille, Fragen zu stellen.

Brigitte Studer

Anmerkungen

1 So musste ein von einem russischen Historiker für diese Nummer geplanter Beitrag wieder abgesagt werden, da die von ihm benötigten Archivbestände unterdessen wieder verschlossen sind.
2 Besonderen Staub wirbelte die Anklage des französischen Publizisten Thierry Wolton auf, Jean Moulin und Pierre Cot hätten im Dienste des sowjetischen Nachrichtendienstes gestanden (Le grand recrutement, Paris 1993). Agentengeschichten erfreuen sich überhaupt grosser Beliebtheit bei kommerziellen Verlegern und in der Öffentlichkeit (siehe z. B. Pavel A. Sudoplatov, J. Schechter, L. Schechter, Special Tasks. The Memoirs of an Unwanted Witness, Boston 1994).
3 Siehe dazu die Debatte «Research, Ethics and the Marketplace. The Case of the Russian Archives», Slavic Review 52 (1993) 1, 87­106.
4 Etienne François, «Les Ðtrésorsð de la Stasi ou le mirage des archives», in Jean Boutier, Dominique Julia (Hg.), Passés recomposés. Champs et chantiers de l¹Histoire, Paris 1995, 145­151, hier 148.