Gaby Sutter, Thomas Specker (Hg.)

Stadt entziffern

Déchiffrer la ville

Traverse 1994/2

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1994
1994. 192 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-02-8

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Zusammenfassung

Die Stadt, zugleich bauliches Gebilde und soziales Gewebe, kann als vielschichtiger Text verstanden werden, den es zu entziffern gilt. Ausgehend von den verschiedenen Oberflächen, die der städtische Raum bietet, stellen sich Fragen nach gesellschaftlichen Hintergründen, Ursachen und Zusammenhängen, die schliesslich wieder zu den Oberflächen zurückführen. SoziologInnen, HistorikerInnen, ArchitektInnen, eine Journalistin und ein Photograph entwickeln unterschiedliche ­ für HistorikerInnen vielleicht auch ungewohnte ­ Lesarten. Das Spektrum der Beiträge versteht sich nicht als Überblick zur aktuellen Stadtforschung, sondern möchte in seiner transdisziplinären Zusammensetzung Anregungen vermitteln. Aufgabe und Interesse der Geschichtswissenschaft ist nicht länger in erster Linie die Rekonstruktion von Kontinuitäten und Wirkungszusammenhängen, sondern vor allem auch die Vergegenwärtigung von Kontrasten und Differenzen. Dies zielt auf eine Erweiterung der Denk- und Diskursräume, auf mehr Phantasie im Umgang mit dem Gegenwärtig-Gewohnten, dem scheinbar Gegebenen.
In «Städtische Geräuschlandschaften» und «Ansichts-Sache Stadt» entziffern zwei Soziologinnen die bisher wenig untersuchten akustischen und visuellen Oberflächen der Stadt. Der eher theoretisch-methodisch orientierte Beitrag von Daniela Gloor und der stärker empirische von Hanna Meier versuchen aufzuzeigen, wie Bilder und Geräusche sowie deren Wahrnehmung auf gesellschaftliche Konflikte und Lebensbedingungen verweisen.
Die Entzifferung religiöser Praktiken legt eine geschlechtsspezifische Verteilung des symbolischen Raums der spätmittelalterlichen Stadt frei. Am Beispiel von Marienaltären und -statuen in Kirchen stellt Gaby Signori dar, wie die Beanspruchung von Raum ­ im konkreten und übertragenen Sinne ­ durchaus über dessen optische Gestaltung zu verwirklichen ist. Corinne Walker untersucht in ihrem Aufsatz «joli joujou», wie sich im Bild der «schönen Stadt», das Reisende im 18. Jahrhundert entwarfen, das Bild von der Genfer Gesellschaft konstituiert. Dieser Beitrag kontrastiert mit den Photographien von Peter Püntener, der den Blick auf die eher unschönen Untergründe «sauberer» Platzgestaltung der heutigen Stadt lenkt.
Daniel Kurz analysiert die Stadtplanungspolitik der sozialdemokratischen Regierungen von Zürich und Biel in der Zwischenkriegszeit. Er entziffert das Alphabet der Städtebauer: Hinter den Vorschriften über die Gestaltung baulicher Details wie Farbanstriche und Marquisen verbirgt sich eine Konvergenz der Interessen sozialdemokratischer Regierungen und konservativer Architekten. «Macht macht Stadt», und «Stadt macht Macht», ­ diesen Zusammenhang stellt auch Sabine Bitter in ihrem Bericht über die feministische Kritik an der männlichen Stadtplanung in den Mittelpunkt. Sie zeigt die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der seit Le Corbusier propagierten Funktionsentmischung des Städtebaus auf.
Überlegungen zu den in jüngster Zeit in den meisten Schweizer Grossstädten entstandenen Frauenstadtrundgängen stellt Anne-Marie Käppeli an. Die Spurensuche im urbanen Raum korrespondiert mit der Spurensuche im historiographischen Raum: Als Orte kollektiver Erinnerung werfen die Rundgänge Fragen zum Verhältnis von Forschung und Inszenierung sowie zur Problematik einer Mythologisierung von Geschichte auf. Die Entzifferungsarbeit beschränkt sich nicht nur auf das Vergangene und Gegenwärtige, sondern blickt auch in die Zukunft. Dies versuchen auch die ArchitektInnen Ursina Fausch und Bertram Ernst in ihrem Essay «Statt Stadt». Sie stellen bisherige Stadtwahrnehmungen in Frage und machen sich Gedanken zur Struktur des modernen Siedlungsraums.

Gaby Sutter, Thomas Specker