Simone Chiquet, Martin Leuenberger (Hg.)

Saufen, Rauchen, Spritzen, Schlucken: Zum Umgang mit Drogen und Sucht

Picoler, fumer, se piquer, avaler: des comportments face aux drogues et à la dépendance

Traverse 1994/1

Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire. Erscheint dreimal pro Jahr. Abopreis CHF 75.00 / EUR 60.00 ISSN 1420-4355, Band 1994
1994. 212 S. Br. CHF 25.00 / EUR 17.40
ISBN 978-3-905315-01-1

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Zusammenfassung

Da blasen die einen zur Treibjagd auf alles, was schon von Weitem nach drogensüchtig aussieht. Kriminalisieren, vertreiben, einlochen, verwahren ­ und das Problem ist aus der Welt geschafft. Die anderen, bisweilen mehr verlegen als überzeugt, mahnen zur Nachsicht mit den «armen Kranken». Therapieren, betreuen, eingliedern, freigeben! Von der Gasse ins Fixerstübli! Repression gegen Toleranz. Und gelegentlich fragt man sich, ob zwischen den scheinbar so gegensätzlichen Positionen nicht manche Verbindungslinien verlaufen. Wenn die Junkies «versorgt» sind, muss die hinter dem Suchtphänomen stehende Problematik nicht mehr gar so dringend angegangen werden. Die weniger Auffälligen ­ die «schweigenden Mehrheiten» ­ scheinen schon lange nach dem unausgesprochenen Motto zu handeln: Lasst sie saufen, rauchen, spritzen, schlucken ­ oder sperrt sie ein! Wir jedenfalls retten uns ins «Normale». Wir halten uns an gepflegten Weisswein und kontrollierte Filterzigaretten. In der Mediensemantik und in der Alltagssprache versteht man unter «dem Drogenproblem» denn auch etwas ganz Spezielles: Der Begriff wird allein auf den ungesetzlichen Rauschgift- und Betäubungsmittelkonsum bezogen. Die damit zugrundegelegte Unterscheidung zwischen «legal» und «illegal» hat indessen mit der Qualität, dem Abhängigkeitspotential und den schädigenden Auswirkungen dieses Konsums auf den Körper wenig zu tun. Der historische Blick auf Fragen rund um den Konsum rauscherzeugender Substanzen kann hier höchst ertragreich sein, haben doch Drogen(miss)brauch und Suchtgewohnheiten ihre eigene Geschichte. Historikerinnen und Historiker, besonders in der Schweiz, hatten bisher indessen wenig zur Thematik zu sagen. Sogar zur Geschichte des Trinkens oder des Tabakrauchens gibt es hierzulande kaum neuere, von sozialgeschichtlichen Gesichtspunkten geleitete Untersuchungen; von den neueren Drogen ganz zu schweigen.
Die Geschichte der Moderne lässt sich jedoch unter anderem auch lesen als eine lange Erfahrung der Zurückdrängung oder Domestizierung von Rauscherfahrungen, die zunehmend ­ gemessen an den neuen Zielen praktischer Machbarkeit und rationaler Erklärungen ­ als Angriff auf die Rationalität erschienen. Diese Tendenz hält bis heute an, seitdem im 16. und 17. Jahrhundert die neuen kolonialen Drogen Tabak und Kaffee in Europa einzogen und sich dem «Branntweinteufel» hinzugesellten. Die Industrialisierung steigerte die Anpassungsanforderungen an die Menschen und führte so zur Massenproduktion von «abweichenden Verhalten». Gleichzeitig ermöglichte die Verwissenschaftlichung die Isolierung von Wirksubstanzen aus alten Drogen wie Opium und Koka: Morphium zu Beginn, Kokain nach Mitte und Heroin am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Substanzen, an denen sich die kollektiven Ängste festmachten, haben sich geändert, geblieben ist die spezifisch bürgerliche Angst vor dem Kontrollverlust im Rausch. Während eine rationalisierte und organisierte Welt ihren Glücksanspruch vorerst in der Arbeit und dann immer stärker im Konsum zu realisieren suchte, blieb der Entwurf alternativer Wirklichkeitsbilder seit dem 19. Jahrhundert vielfach bürgerlichen Aussenseitern und Nonkonformisten, Künstlerinnen und Künstlern überlassen; eine Suche, die öfter nur verkümmerte Formen der Verklärung und Tröstung oder eines romantisierten Rebellentums hervorbrachte.
Heute sieht sich eine Welt, die Rauscherfahrungen weitgehend als ungehörig wertet, damit konfrontiert, dass diese Bedürfnisse immer noch und immer wieder an die Oberfläche drängen und zwar ­ infolge fehlender kultureller Integration ­ oftmals in zerstörerischer Form. Eine Vielzahl gesellschaftlicher Instanzen nimmt sich ihrer an: von den formenden Kräften, die das alltägliche Verhalten bestimmen, über politische Organisationen und auf die Drogenproblematik spezialisierte Berufsgruppen bis hin zum Staat, der sich mit seinen Lenkungsversuchen einmischt. Auch historische Forschung stellt sich als Teil dieser Bemühungen um Bewältigung dar.
Und hier möchte die erste Nummer von Traverse ansetzen. Es kann jedoch nicht angehen, nur die sogenannten «harten» Drogen ins Visier zu nehmen und damit einer juristischen Definition verhaftet zu bleiben. Diese hängt auf das engste mit der Prohibitionspolitik zusammen, die dem «Drogenproblem» erst die spezifischen Züge verleiht, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen. Nötig ist vielmehr ein anderes gesellschaftliches Verhältnis zu Stoffen, die zwar Probleme verursachen können, mit denen Individuen, Gruppen, und Bevölkerungen aber immer auch einen kulturell sinnvollen Umgang gepflegt haben. Drogen sind weder dämonische noch sakrale Substanzen.
Notwendig sind methodisch und inhaltlich verschiedene Betrachtungsweisen: Die Sozialwissenschafter Hasso Spode (Berlin) und Hermann Fahrenkrug (Lausanne) schreiben über den Alkohol; zwei Aufsätze, die erklären, wie Sucht als kulturelles Konstrukt erst konstituiert werden muss, bevor man sie bekämpfen kann. Der Basler Historiker Jakob Tanner beschreibt die Hintergründe eines Heroinprozesses, der 1931 in Basel stattfand. Der Arzt André Seidenberg und der Soziologe Manuel Eisner, beide aus Zürich, beleuchten den gesellschaftlichen Umgang mit Drogen und Drogenabhängigen. Die Ethnologin Christin Kocher Schmid (Riehen) stellt den Umgang mit Tabak in Neuguinea dar. Das Thema «Frauen und Essen» spricht die Ergotherapeutin Elke Tomforde Schöni (Hannover und Basel) an. Bernward Vespers Text, 1977 im autobiographischen Romanfragment «Die Reise» zum ersten Mal erschienen, ermöglicht Einblicke in die Gedankenwelt eines LSD-Konsumenten.

Simone Chiquet und Martin Leuenberger