Heinz Hesdörffer

Bekannte traf man viele …

Aufzeichnungen eines deutschen Juden aus dem Winter 1945/46

ZeitZeugnisse
1998. 240 S., 15 Abb. 4. Aufl. 2017 Br. CHF 36.00 / EUR 19.50
ISBN 978-3-905312-57-7

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Textauszug

Mit der Machtübernahme der Nazis am 30. 1. 1933 begann die Leidensgeschichte der ehemals deutschen Juden.
Der 30. 1. 1933 [Š] war gerade mein 10. Geburtstag, an dem noch einige "arische" Freunde mitfeierten. Wenige Wochen später kannten sie mich nicht mehr. Es war wohl der letzte sorglose Tag in meiner Vergangenheit, mit dem gleichzeitig, früher als bei anderen, meine Jugend endigte. Denn in den nächsten Jahren wurde die Lage für die Juden in Deutschland immer unerträglicher. Der Rassenwahnsinn wurde dem Volk eingeimpft, der Jude dargestellt als Kindsmörder und Verführer deutscher Frauen.

[In Schwarzheide Winter 1944]
Ein unerhörter Strom von Paketen war zu Weihnachten ins Lager gekommen und es gab Häftlinge, denen es an nichts fehlte, die selbst mehr Nahrungsmittel besassen als die SS Posten, die aber ruhigen Gewissens ihren Nebenmann krepieren sehen konnten. Ich hatte vor Weihnachten mit Isi Levy gesprochen, der vielen Nicht-Paket-Empfängern im Block irgend eine Arbeit zugeteilt hatte, mit der sie sich einen Nachschub verdienen konnten. Ernst Scheuer z.B. war zusammen mit einigen anderen jungen Burschen Essenträger geworden; ich war bereits zu schwach, die grossen Kessel mit 50 Liter Inhalt zu schleppen und liess mich als Blockschneider anstellen, zur Reparatur von Handschuhen. Schon am 1. Tag ging mein Geschäft glänzend, denn die Handschuhe litten bei der Arbeit sehr, und zerrissene Fäustlinge konnten in der Kleiderkammer nicht ausgetauscht werden, da kein Ersatz vorrätig war. Ich konnte natürlich nicht alle Handschuhe auf einmal reparieren und arbeitete der Reihe nach, wie sich die Leute angemeldet hatten. Wie es jedoch im Lager nun einmal üblich war, kamen die Paketempfänger mit Angeboten und versprachen mir Brot, wenn ich sie gleich bediente. Es gibt wohl keinen Häftling, der ein solches Anerbieten zurückgewiesen hat, angesichts der immer mehr zunehmenden Hungersnot, und ausser meinem offiziellen Nachschub verdiente ich mir manche Schnitte Brot, oft ein Stück Käse oder Wurst.