Albert Vogt (Hg.)

Unstet

Lebenslauf des Ärbeeribuebs, Chirsi- und Geschirrhausierers Peter Binz, von ihm selbst erzählt

ZeitZeugnisse
1995. 285 S. Br. CHF 42.00 / EUR 23.50
ISBN 978-3-905311-76-1

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Kurztext

«Was ich schreibe, sind keine Heldentaten, weder Kunst noch wissenschaftliche Beschreibungen, nein, es ist nur von einem Manne aus dem Volke für das Volk geschrieben, denn einfache Volksgeschichten wie Volkssagen lese auch ich am liebsten.»

Die um 1895 geschriebene Autobiographie des in Welschenrohr/SO geborenen Peter Binz (1846-1906), aussereheliches Kind einer Hausiererin und Heimatloser, ist die Geschichte eines Verlierers. Sie gewährt Einblick in die Lebensbedingungen der untersten, nichtsesshaften Bevölkerungsschicht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und sie vermittelt ein Bild unserer Vorfahren, das von der herkömmlichen Vorstellung stark abweicht.
Binz beschreibt im ersten Teil die Ängste des alleingelassenen Kindes, die Kinderspiele, die langen Winterabende, die Bräuche und das Leben der Sennen auf den Jurabergen, bei denen er bereits als «Bueb» arbeitete. Auch half er bereits in frühen Jahren seiner Mutter und begleitete diese auf ihren Hausiertouren als Geschirrhändlerin. Der zweite Teil seiner Schilderungen umfasst seine Wanderjahre: Er arbeitete als Holzer, Erzgräber, Sägereiarbeiter, als Knecht und Mahlknecht im Jura. Später wanderte er nach Lyon und Marseille und kehrte völlig abgerissen nach Welschenrohr zurück. 22jährig heiratete er eine um acht Jahre ältere Frau, mit der er neun Kinder hatte.
Der dritte Teil, die «Männerjahre», ist leider verschollen; dieser Lebensabschnitt lässt sich jedoch aus andern Schriften aus Binzens Feder rekonstruieren: Er betätigte sich als Butterhändler, Uhrmacher, Holzer, und weil er sich schlecht mit seiner Frau vertrug, irrte er «unstet und verlassen in der Welt herum». Wegen Inzest wurde er 1895 verhaftet und wegen Unzurechnungsfähigkeit (organische Psychose) in die Irrenanstalt Rosegg überwiesen, wo er 1906 verstarb.

Dieses äusserst seltene Selbstzeugnis eines Nichtsesshaften ist nicht nur für Historiker, Volkskundler und Psychologen eine anschauliche Quelle. Es ist auch für Dialektologen von grossem Interesse, ist der Text doch zu rund einem Viertel in Mundart geschrieben, von der heute viele Wörter und Redewendungen nicht mehr bekannt sind. Der Herausgeber erklärt diese Ausdrücke in einem Anhang. Durch die frische, unmittelbare und sinnliche Erzählweise, die zahlreiche Dialoge aufweist, wird dieses Buch aber auch zu einer manchmal vergnüglichen, manchmal nachdenklichen Lektüre für ein breiteres Lesepublikum.