Elisabeth Joris, Heidi Witzig

Brave Frauen, aufmüpfige Weiber

Wie sich die Industrialisierung auf Alltag und Lebenszusammenhänge von Frauen auswirkte (1820–1940)

1995. 384 S., 52 Abb. 3. Auflage Br. CHF 38.00 / EUR 27.00
ISBN 978-3-905311-02-0

Vergriffen

Pressestimmen

«Joris und Witzig sind mit ihren Quellen behutsam umgegangen. So sehr sie sich darum bemühen, nicht am Einzelfall klebenzubleiben, hüten sie sich zugleich vor Verallgemeinerungen, sobald das Quellenmaterial ihnen nicht ausreichend erscheint. Sie haben es nicht nötig, die dünnen Stellen in der Recherche mit geschickt plazierten Zitaten zu kaschieren. Wer so bereitwillig die eigenen Lücken offenlegt, kann aus dem vollen schöpfen.»
Tages-Anzeiger

ELISABETH JORIS UND HEIDI WITZIG
BRAVE FRAUEN -
AUFMÜPFIGE WEIBER
WIE SICH DIE INDUSTRIALISIERUNG AUF ALLTAG UND LEBENSZUSAMMENHÄNGE VON FRAUEN AUSWIRKTE (1820-1940)
CHRONOS VERLAG, ZÜRICH 1992, 384 S., 52 ABB., FR. 48.-

Die im Themenbereich Frauengeschichte bestens ausgewiesenen Autorinnen Witzig und Joris legen uns hier ein Buch vor, das neue Einblicke in weibliche Lebenszusammenhänge vermittelt. Im Mittelpunkt der regionalgeschichtlichen Studie steht einmal mehr das Zürcher Oberland, dessen Industrialisierungsgeschichte schon verschiedentlich Gegenstand historischer Forschung war. Untersucht werden die schichtspezifischen Unterschiede und die Veränderungen, welche weibliche Lebenszusammenhänge während der Zeitspanne von 1820 bis 1940 erfuhren.
Während der ganzen Dauer des untersuchten Zeitraumes war für die Frauen aller Schichten die Familie der wichtigste soziale Bezugspunkt; auch die ausserfamiliären Beziehungssysteme wurden an familiären Strukturen gemessen und ausgerichtet, so beispielsweise das Engagement im Bereich der «inneren» und der «äusseren» Mission. Als Familie gilt hier einerseits die aus Eltern und Kindern bestehende Kernfamilie, andererseits aber auch die weitere Verwandtschaft. Dass die Beziehungen zur Herkunftsfamilie der Frauen stärker waren als zu derjenigen ihrer Ehemänner erstaunt nicht, waren es doch fast ausschliesslich die weiblichen Angehörigen, welche die Verwandtschaftsbeziehungen pflegten, während die Männer sich stark nach aussen orientierten und sich in politischen Parteien betätigten, berufliche Kontakte unterhielten, aber auch die Geselligkeit oft ausserhalb der Familie pflegten.
Auch wenn der Bezugsrahmen der Frauen mehr oder weniger fix auf die Familie oder familienähnliche Strukturen beschränkt blieb, so waren die Rollen, die sie darin spielten, überaus flexibel. Dies war vor allem dort von existentieller Bedeutung, wo Erwerbs- und Hausarbeit fliessend ineinander übergingen, was gerade für gewerblich orientierte Haushalte typisch war. Eine solche Rollenkombination war an sich nichts Neues, sie war im Gegenteil seit Jahrhunderten typisch für diejenigen Bevölkerungsschichten, die das Einkommen im Familienverband erwarben. Überrraschend ist eher die Beharrlichkeit, mit welcher sich die Familienwirtschaft auch dort erhielt, wo die für die Industrialisierung kennzeichnende Lohnarbeit Einzug hielt, so dass Erwerbsbereich und Haushalt klar auseinander traten.
Die Rolle des männlichen Alleinernährers etablierte sich zuerst in der Mittel- und Oberschicht. Damit erfuhr nun auch der Beitrag der Frauen zum Familienbudget eine grundlegende Änderung. Aus ihrer bislang produktiv verstandenen Hausarbeit wurde zunehmend ein Liebesdienst für die Familie, aus ihren ökonomischen wurden zusehends emotionale und moralische Aufgaben. Das primär bürgerliche Leitbild wurde nach dem Ersten Weltkrieg immer dominanter und trug massgeblich zu einer Vereinheitlichung der Frauenrolle bei, wobei die soziale Distanz zwischen den verschiedenen Schichten weiterhin bestehen blieb.
Unabhängig vom Tempo der Veränderungen in den einzelnen Bereichen erwiesen sich die Frauen nicht nur in den verschiedenen Rollen, die sie wahrnahmen, sondern auch gegenüber allgemeinen historischen Entwicklungen als höchst flexibel. In der Regel verhielten sie sich dabei als die «braven Frauen», als welche sie im Titel zitiert sind. Als «aufmüpfige Weiber» erscheinen vor allem Unterschichtfrauen während des 19. Jahrhunderts, die sich gegen behördliche Eingriffe, wie die Wegnahme der Kinder, zur Wehr zu setzen suchten. Eindrücklich ist hier auch die Gewandtheit, mit der sie ihre schlechte Bildung überspielten.
Das vorliegende Buch bietet eine reiche Fülle an Material. Quellen der unterschiedlichsten Art - sie reichen vom intimen Tagebuch bis zum amtlichen Fürsorgebericht - werden vor uns ausgebreitet. Dieser Reichtum bietet aber auch seine Tücken. Elisabeth Joris und Heidi Witzig entführen die Leser/innen auf eine Reise, deren Route und deren Ziel nicht immer klar vor Augen liegen. Doch es ist keine Frage, die Reise lohnt sich auf jeden Fall. Das Buch geht verschiedensten Fragen nach und regt zu ebensovielen Überlegungen an. Seine grosse Stärke liegt ganz eindeutig auf der Mikroebene des Alltages. Und wenn es um Geschlechtergeschichte geht, ist diese Ebene von zentraler Bedeutung.

Elisabeth Ryter (Bern)

Traverse 1994/1 (162-163)