Zsolt Keller

Abwehr und Aufklärung

Antisemitismus in der Nachkriegszeit und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund

Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich, Band 6
2011. 348 S., 15 Abb. Geb. CHF 54.00 / EUR 40.00
ISBN 978-3-0340-1042-9

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Kurztext

1944 gründete der Schweizerische Israelitische Gemeinde­bund (SIG) das Ressort «Abwehr und Aufklärung». Die entsprechende Kommission registrierte vielfältige Formen latenter und virulenter Judenfeindschaft, diskutierte angemessene Re-Aktionen und versuchte, den Antisemitismus in der Nachkriegszeit zu bekämpfen.
Antisemitismus wird in diesem Buch aus der Optik der Betroffenen erfasst und in sein historisches Umfeld eingebettet. Öffentliches Aufsehen erregten Pamphlete aus dem In- und Ausland sowie Antisemiten, die ihre judenfeindlichen Verschwörungstheorien auch nach der Shoah weiterverbreiteten. Ins Blickfeld der Studie gerät auch der Umgang kantonaler und eidgenössischer Behörden mit dem Antisemitismus. Die Schweizerische Bundesanwaltschaft hatte darüber zu befinden, ob judenfeindliche Vorfälle zur Anklage gelangen sollten; die den Gemeindebund betreffenden Akten legte sie bis weit in die Nachkriegszeit unter dem Schlagwort «Judenfrage» ab. Nach 1948 war der neu gegründete Staat Israel Gegenstand antisemitischer Projektionen, und der Gemeindebund sah sich verschiedenen Spannungsfeldern politischer Loyalitäten ausgesetzt. Der Staatsschutz beobachtete zionistische Gruppierungen und ihre Exponenten mit Argwohn. Der Autor verrät überdies ein feines Gespür für die leisen und unspektakulären Töne, mit denen sich der Antisemitismus während der gesamten Nachkriegszeit in der Schweiz äusserte. So kursierten in Diskussionen um eine mögliche Sondersteuer für Rückwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg oder zur Frage der Kirchensteuerpflicht des SIG im Kanton Zürich antisemitische Stereotype auch zwischen den Zeilen oder hinter vorgehaltener Hand.
Der SIG suchte Verbündete im Kampf gegen den Antisemitismus. Er fand sie in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in der religiös ausgerichteten «Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft» und später in der politisch aktiven und überparteilichen «Gesellschaft Schweiz-Israel».
Die Studie stützt sich unter anderem auf umfangreiche Quellenbestände im Archiv für Zeitgeschichte, insbesondere auf das SIG-Archiv. Sie schliesst zeitlich an die Forschungen der «Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg» an und leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Nachkriegszeit.